Nadine Black und Stergios Svolos berichten von ihren Erfahrungen mit Alltagsrassismus. FOTO: SCHEPP
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Nadine Black und Stergios Svolos berichten von ihren Erfahrungen mit Alltagsrassismus. FOTO: SCHEPP

Solidarität zeigen

Alltags-Rassismus gibt es auch in Gießen

  • vonOliver Schepp
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Der Mord an George Floyd durch einen weißen Polizisten hat auch in Deutschland eine Welle der Solidarität mit Afro-Amerikanern ausgelöst. Doch auch hierzulande müssen Menschen aus Einwandererfamilien in ihrem Alltag mit Rassismus klarkommen.

Ich kann nicht mehr atmen. Diese Worte hallen nach. Gesagt hat sie George Floyd, ein Afro-Amerikaner, während ein weißer Polizist auf seinem Hals kniete und ihn so erstickte. Eine Protestwelle erfasst seitdem die USA. Auch in Deutschland gehen Menschen auf die Straße und solidarisieren sich mit Afro-Amerikanern. Dabei ist Rassismus auch hierzulande ein Problem. Auch zwei Gießener aus Einwandererfamilien haben damit Erfahrungen gemacht.

Negerkuss, Schoko Crossie - Spitznamen, die Nadine Black in ihrer Kindheit öfter zu hören bekommen hat. "Ich habe das damals nicht verstanden", sagt die 39 Jahre alte Halb-Amerikanerin. Für sie seien das einfach nur Sprüche gewesen, die sich auf ein auffälliges optisches Merkmal bezogen. "So wie Brillenschlange." Erst später habe sie gemerkt, wie sie wegen ihrer Hautfarbe in eine Schublade gesteckt und diskriminiert wurde.

Als Mittzwanzigerin zum Beispiel ging sie in einen Baumarkt. Mit dabei hatte sie einen Zeitschrift, die sie als Anregung für ihren Einkauf mitgenommen hatte. Als sie den Laden wieder verlassen wollte, sprach eine Frau sie an. In gespielt gebrochenem Deutsch habe sie Black aufgefordert, die Zeitschrift zuerst zu bezahlen. "Ich habe ihr höflich geantwortet, dass die mir bereits gehört" Die Frau sei derart perplex gewesen, dass sie rot geworden und schnell weggegangen sei. Oder der Besuch in einem Küchenstudio. Als ein Mitarbeiter den Preis für die Küche nannte, für die sich Black interessierte, sagte er direkt: "Aber das ist ja dann für Sie kein Thema mehr." Für Black ein Schock. "Das musste ich erstmal verdauen."

Black arbeitet in der Tagespflege und als Englisch-Dozentin. Ihr Vater ist Amerikaner, ihre Mutter Deutsche. Sie sei, sagt die dreifache Mutter, tief in der deutschen Kultur verwurzelt. Dennoch habe sie Wut gespürt, als sie das Video vom Tod George Floyds gesehen habe. Dass auch in Deutschland Menschen ihre Solidarität mit schwarzen Profilbildern in sozialen Netzwerken erklären, findet sie befremdlich. "Viele wissen nicht, was hinter dem Konflikt steckt", sagt sie. Momentan werde der Schmerz der afro-amerikanischen Bevölkerung in den USA sichtbar, der seit über 400 Jahren existiere. "Wenn ich das Video sehe, denke ich, das könnte mein Vater, mein Onkel oder meine Cousine sein." Was sie sich - auch in Deutschland - wünscht? "Wir brauchen ein Bewusstsein dafür, alte Glaubenssätze und Vorurteile zu hinterfragen und die Festplatte neu zu bespielen."

Stergios Svolos ist Stadtschulsprecher. Oft wird er gefragt, woher er kommt. "Diese Frage stört mich sehr", sagt der 17 Jahre alte Jugendliche. "Aus Gießen", lautet dann seine Antwort. Dann folgt in der Regel ein: "Nein, nein, woher kommst du wirklich?" Fragen wie diese, sagt Svolos, seien ja nicht böse gemeint. Ihn ärgert es aber trotzdem, dass manche Menschen nicht einfach hinnehmen können, dass ein Deutscher auch einen griechischen Namen tragen kann.

Vor allem seit der griechische Staatsschuldenkrise vor zehn Jahren darf sich Svolos Witzchen über seine Wurzeln anhören - "selbst von Leuten aus der linken Ecke". Es sind Sprüche über Pleite, Geld und Armut. "Wenn ich sage, dass das nicht okay ist, dann heißt es, ich soll es nicht so ernstnehmen." Svolos ist ein fröhlicher Mensch, der gerne lacht. "Aber wenn es um Nationalität, Herkunft, Hautfarbe oder Religion geht, hat mein Humor Grenzen."

Was ihm auffällt: Viele Menschen aus Einwandererfamilien hätten den Alltagsrassismus als Normalität akzeptiert, würden Sprüche nur noch hinnehmen. "Ich wünsche mir, dass mehr Menschen für andere geradestehen und Flagge zeigen", sagt Svolos, "Die deutsche Sprache verbindet uns doch, egal wie wir aussehen, woran wir glauben oder wie wir heißen." Um für diese Sache zu kämpfen, will er sich in der Kommunalpolitik engagieren. "Wir brauchen eine Gesellschaft, die vorurteilsfrei ist", sagt er dann. "Es ist idealistisch, ich weiß. Aber es ist ein schöner Gedanke."

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