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Alltägliches eindrücklich beschrieben

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Von: Sascha Jouini

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Pia Bonn und Lilli Weiskopf mit Moderatorin Beatrice Kaiser (v. l.) in den Marktarkaden. © Sascha Jouini

Gießen (jou). Wieder einmal gab eine Kooperationsveranstaltung von ulish-PR und dem Literarischen Zentrum vielversprechenden Nachwuchsautorinnen ein Podium. Moderiert von Beatrice Kaiser präsentierten bei »Eine(r) liest« Pia Bonn und Lilli Weiskopf unter den Marktlauben zwei sehr unterschiedliche Kurzgeschichten. Beide sind Gewinnerinnen des OVAG-Jugendliteraturpreises 2021.

Die 22-jährige Pia Bonn nimmt daran bereits seit 2017 erfolgreich teil. Sie hatte für »Der Taubenmann« Obdachlosigkeit als Thema gewählt - ein gesellschaftlich tabuisiertes, Mitgefühl weckendes Phänomen. Der Schauplatz führt nach Frankreich: Ein Mann aus Deutschland ist dort gestrandet, sitzt auf einem Lüftungsschlitz und beobachtet das städtische Treiben. Er wird von Fremden angegriffen; selbst Hunger und winterliche Kälte scheint er mit stoischer Ruhe zu ertragen. Doch gibt es auch ihm wohlgesonnene Leute. So entwickeln eine Frau und zwei Jungen Nächstenliebe, sehen in ihm einen großherzigen Menschen.

An der Geschichte gefiel der anschauliche, angemessen nüchterne Stil. Bonn war, wie sie sagte, für vier Monate als Au-pair in Paris und ließ sich dort inspirieren. Die Geschichte zeigt für Moderatorin Beatrice Kaiser Erwachsene »blind vor Stress«, die das Leid der Gesellschaft nicht sehen. So will die Autorin anregen, an den Rand gedrängte Menschen achtsam wahrzunehmen; letztlich sei die Problematik auf andere Länder übertragbar. Von Bonn wird man gewiss bald mehr hören, dieses Jahr ist sie wieder unter den OVAG-Preisträgern.

Ein anderes, nicht minder alltägliches Thema rückte in Lilli Weiskopfs »Erste Dates« in den Fokus. Darin geht es um eine junge Frau, die sich von ihrem WG-Mitbewohner das Alleinsein vorhalten lassen muss und auf Partnersuche geht. Auch dieser Geschichte war sprachliches Geschick anzumerken. Weiskopf, ebenfalls 22 Jahre alt, fand durch ein Seminar an der Uni vermehrt zum Schreiben und war bereits letztes Jahr bei »Eine(r) liest« zu Gast. Sie möchte in »Erste Dates« ein Gefühl des Verlorenseins beschreiben; der Fantasie des Lesers bleibt es überlassen, wo es herkommt. Die Protagonistin ist eigentlich nicht unzufrieden, fängt einmal mit Datings an und fühlt sich dann getrieben, immer weiterzumachen, resümierte die Autorin. Blogpost-Einschübe sorgen für eine authentische Note. Auffällig ist zudem das Bild des Rheins, welches vergegenwärtigt, dass auch im Leben der Frau alles im Fluss ist und sie sehen muss, wie sie weiterkommt.

Gesammelte Werke

Das Publikum zeigte sich von der Lesung beeindruckt. Beide Kurzgeschichten sind - neben 22 weiteren Texten junger Autoren zwischen 14 und 23 Jahren aus den Landkreisen Gießen, Wetterau und Vogelsberg - enthalten im Band »Jugendliteraturpreis 2021. Gesammelte Werke«, erhältlich bei der OVAG (12 Euro).

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