Mit Abstand, Masken und Plexiglasscheibe: Unter neuen Hygienebedingungen nimmt die Gießener Tafel den Beinahe-Normalbetrieb wieder auf. FOTO: SCHEPP
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Mit Abstand, Masken und Plexiglasscheibe: Unter neuen Hygienebedingungen nimmt die Gießener Tafel den Beinahe-Normalbetrieb wieder auf. FOTO: SCHEPP

Allseits Freude über Tafel-Neustart

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Nach sieben Wochen gibt die Gießener Tafel wieder "gerettete" Lebensmittel an Bedürftige aus. Nicht nur für Kunden, auch für die Ehrenamtlichen war die Corona-Pause hart.

Doris Schwarzhaupt hat "gestrickt, genäht, gelesen". Christine Lorber verbrachte so viel Zeit im Garten, "dass ich angefangen habe, alles mögliche rauszureißen". Nun strahlen die Augen der Frauen über ihren Mund-Nase-Masken: Seit Montag sind sie wieder ehrenamtlich bei der Tafel im Einsatz. Sie begegnen dankbaren Kunden, die ohne die Extra-Lebensmittel nur schwer über die letzten sieben Wochen gekommen sind. Auch die Fahrer blickten in erfreute Gesichter von Supermarkt-Mitarbeitern, als sie am Vormittag die nicht mehr verkäuflichen Waren eingesammelt haben.

Mitte März hatte die Gießener Tafel den Betrieb eingestellt: Zu groß war das Corona-Ansteckungsrisiko gerade für die vielen älteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Am 7. April startete sie einen Lieferdienst für rund 140 Kunden, die zur Risikogruppe gehören. Dieser Service wird vorerst weitergeführt, erläutern Holger Claes, Leiter des Diakonischen Werks Gießen, und die Tafel-Koordinatorin Anna Conrad im GAZ-Gespräch. Das reduziere den Publikumsverkehr im Laden im Leimenkauter Weg. Wegen Abstands- und Hygieneregeln arbeiten dort weniger Ehrenamtliche.

Geldsorgen trotz Zuschuss vom Land

Die Gruppen in Fahr-, Sortier- und Ausgabedienst sollen sich nicht begegnen. Wegen des stafferen Zeitplans und weil nur noch zwei statt drei Mitarbeiter im Auto sitzen, können nicht alle bisher beteiligten Geschäfte angefahren werden.

Just an diesem Montag hat das Sozialministerium verkündet, dass Hessen eine einmalige Unterstützung von insgesamt 1,25 Millionen Euro "zum Erhalt der Infrastruktur" der 57 hessischen Tafeln gewährt. Wie das Geld verteilt wird, wird in Zusammenarbeit mit dem Landesverband festgelegt.

Nötig sei das Geld auf jeden Fall, unterstreicht Claes: In den letzten sieben Wochen sei ein Defizit von 13 000 Euro entstanden. Fast alle der Kosten liefen weiter, während der Kunden-Eigenanteil von zwei Euro wegfiel. Hinzu kamen die Ausgaben für die Hygienevorrichtungen - etwa Plexiglasscheiben - und Wegeführung. "Stadt und Landkreis haben uns unbürokratisch geholfen", betont Claes. Auch andere Unterstützer hätten positive Signale gesendet.

Anna Conrad blickt indes besorgt Richtung Jahresende: "Normalerweise bekommen wir in der Vorweihnachtszeit den Großteil der Spenden, die wir zur Finanzierung des Regelbetriebs brauchen." Doch dieses Jahr leiden viele Unternehmen unter Corona.

An diesem Montag herrscht aber erst einmal Freude. Obwohl es zu aufwendig war, die 2800 Kunden in 850 Haushalten persönlich zu informieren, hat sich der Neustart herumgesprochen. Fast alle Montags-Abholer erscheinen, versehen mit Mundschutz, und packen dankbar Salat, Bananen, Nudeln und Ostersüßigkeiten ein. "Endlich wieder was zu essen", sagt ein 44-jähriger Niedrigverdiener, der dank "Spenden von Bekannten" über die Runden kam. Auch für zwei junge Männer waren die letzten Wochen "sehr schwierig".

"Ich freue mich, dass es wieder losgeht", sagt die Ehrenamtliche Martina Grant, die ihren wöchentlichen Tafel-Einsatz vermisst hat. Sehriban Yüsün ist ebenfalls glücklich, dass sie wieder praktisch "etwas für Menschen tun" kann - auch wenn die junge Frau wegen der Infektionsgefahr besorgt ist. Etliche Ehrenamtliche blieben dem Dienst aus Gesundheitsgründen vorerst fern.

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