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Trotz Blumenrabatten nur bedingt ein Ort zum Verweilen.

»Alles wird gut« an der Licher Gabel

  • Christine Steines
    VonChristine Steines
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Alles wird gut, das steht auf einem Schild, das im Fenster des Alloheims hängt. Mit dickem Ausrufezeichen. Das Alten- und Pflegeheim an der Ecke Moltkestraße/Grünberger Straße wirkt verlassen, das Café im Erdgeschoss ist in der Pandemie geschlossen. Von den großen Erkerfenstern aus haben die Senioren einen guten Überblick über die Kreuzung, fast wie auf einem Wimmelbild.

Doch heute sitzt niemand dort.

Der Greif ist schon lange weg

Grünberger Straße hoch und runter, Moltkestraße, Licher Straße. Aus vier Richtungen strömen Autos auf die Kreuzung. Es ist laut. Der Verkehrslärm übertönt nahezu alle anderen Geräusche. Nur einige Meter entfernt auf dem Alten Friedhof zwitschern die Vögel, bewundern Spaziergänger das satte Frühlingsgrün der prächtigen Bäume. Eine ganz andere Welt gleich nebenan.

Auch an der Licher Gabel vor dem Denkmal grünt und blüht es. Wie an vielen Orten Gießens hat die Stadtgärtnerei stilsicher und geschmackvoll blaue Stauden mit weißen Anemonen kombiniert. Die Beete sind ein echter Hingucker. Davon gibt es hier nicht allzu viele. Die Licher Gabel ist wichtig für die Verkehrsführung, ein Ort zum Verweilen ist sie sicher nicht. Über das Denkmal des Traditionsverbandes des Greifgeschwaders mit Totenehrungen und Gedenkfeiern ist viel und erbittert gestritten worden. Der Greifvogel thront schon lange nicht mehr auf seiner steinernen Säule, er wurde Mitte der 90er Jahre gestohlen und ward nicht mehr gesehen. Der Obelisk selbst ist fast vollständig unter dichtem Efeu verschwunden. Seit der Umwidmung des Denkmals vor fast 20 Jahren erinnert die Skulptur der »trauernden Witwe« von Mathes von Oberhessen an den Schrecken und das Leid des Krieges.

Die Ampel in der Licher Straße springt auf rot, der Fahrer eines Sprinters bremst abrupt ab. Um ein Haar wäre der Hintermann aufgefahren. Er hupt aufgebracht. Ein Radler, der die Fahrbahn quert, reckt zornig die Faust. »Vollidioten«, schreit er. Auf der Gedenktafel von 2002 steht: »Lernen wir, miteinander zu leben - nicht gegeneinander. Ehren wir den Frieden, das Recht und die Freiheit«.

Das fällt schwer, im Großen wie im Kleinen. Wird wirklich alles gut? Manchmal scheint es fraglich. Aber man muss daran glauben. Alles wird gut. Dickes Ausrufezeichen. cg

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