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Alte Zeitungsberichte und eine Dokumentation erzählen die Geschichte eines Streits um das Nachtleben in Gießen. 1972 fordern junge Menschen einen unkommerziellen Raum für sich ein, einige landen schließlich auf der Anklagebank.

Das Karma in Wieseck

»Alles kaputt« - Party-Krawalle gab es in Gießen auch in den 70ern

  • VonSebastian Schmidt
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1972 hat sich in Gießen ein Konflikt ums Nachtleben in Massenschlägereien zwischen jungen Menschen und der Polizei entladen. Bei den »Karma-Krawallen« soll sogar ein Schuss gefallen sein.

Freitagabend, am 14. April 1972, geht bei der Polizei ein Notruf ein. Karl S., der Pächter des Wiesecker Lokals »Karma«, bittet die Beamten um Hilfe: 20 Menschen würden in seiner Kneipe »alles kaputt« schlagen. Zwischen den in der Gießener Straße 75 eintreffenden Einsatzkräften und einer Gruppe von Jugendlichen und Heranwachsenden entwickelt sich eine Massenschlägerei, mehr als 200 Personen blockieren vor dem Lokal die Straße. Im Nachgang wird die Polizei berichten, dass sie mit Steinen und Baumaterialien angegriffen wurde. Die jungen Menschen erklären ihrerseits, dass sie sich nur gegen die exzessive Gewalt der Polizisten zur Wehr gesetzt haben. Eine Rechtshilfeorganisation, die Rote Hilfe Gießen, dokumentiert sogar einen Schuss eines Polizisten auf die Menge. Was sich damals entladen hat, war ein schon länger schwelender Konflikt in Gießen - um ein bezahlbares Nachtleben und einen eigenen Ort zum Feiern.

Drogen und Schlägereien im Karma in Gießen

»Von den Wieseckern wurde das Karma immer Ponderosa genannt«, erinnert sich der ehemalige Wiesecker Ortsvorsteher Wolfgang Bellof. Der Name stamme aus Western-Filmen, »weil im Karma einmal geschossen wurde«. Ob damit der Schuss bei den Ausschreitungen gemeint war, sei nicht klar, was aber fest steht: Zusammen mit dem Scarabée im Riegelpfad war das Karma in den frühen 70er Jahren der Drogenumschlagplatz in Gießen. Auch Schlägereien seien im Karma keine Seltenheit gewesen, sagt Bellof. »Wir haben uns da nicht hingetraut.«

Der Auseinandersetzung am 14. April ging eine politische Aktion zwei Tage zuvor voraus, von der diese Zeitung damals berichtete. Mehrere junge Menschen hatten sich am Mittwochabend Zutritt zum Karma verschafft, ohne Eintritt zu zahlen. In Flugblättern, welche die Rote Hilfe Gießen in einer Dokumentation damals gesammelt hat, werden die Hintergründe erläutert: Die Aktivisten kritisierten in den Schreiben, dass der Pächter das Karma als »unkommerzielles, progressives Lokal für Schüler, Studenten und Lehrlinge« beworben habe. Dann sei aber der Eintrittspreis von zunächst 99 Pfennig auf 3 DM erhöht worden, beworbene Bands seien nicht aufgetreten und Gäste zum Kauf von Getränken gezwungen worden.

1974 gibt es das Karma in Gießen nicht mehr

Das wollten sich die jungen Menschen nicht bieten lassen. Ihr Protest und die darauf folgenden Ausschreitungen in Wieseck führten aber nicht dazu, dass sich das Lokal nach ihren Forderungen hin neu ausrichtete, sondern wahrscheinlich zu seiner Schließung. Wie in einem weiteren Flugblatt steht, wurde das Karma nach den Krawallen »über 14 Tage lang aktiv boykottiert« - sogar mit Absperrketten. 1974 gibt es das Karma schließlich nicht mehr.

Für einige der jungen Männer hatte der handfeste Streit um das Nachtleben aber noch ganz andere Konsequenzen: Zwölf von ihnen wurden in mehreren Prozessen vor Gericht gestellt, sieben verurteilt - zu Jugendarrest und Geldstrafen. Sowohl der vorsitzende Richter Klingelhöfer, als auch der Staatsanwalt betonten in den von Protesten begleiteten Verfahren damals, dass es eine Lücke in Gießens Nachtleben gab. Jugendliche wollten nämlich schon länger einen unkommerziellen Ort für sich haben. Eine Forderung, die damals in der Stadtpolitik aktuell diskutiert wurde und sich auch in den Flugblättern findet, war die nach einem neuen Jugendzentrum.

Nach dem Karma: Jugendliche in Gießen bekommen neues Jugendzentrum

In Gießen gab es zwar bereits eines, das war aber mehr wie eine Volkshochschule. Also ein Ort an dem Kurse stattfanden und, so schrieb diese Zeitung damals, das von Jugendlichen nie besucht wurde.

Trotz des Vorwurfes, dass das neue Jugendzentrum nur von linken Polit-Gruppen gefordert werde, setzten sich die jungen Menschen schließlich durch: Im Oktober 1973 wurde auf dem Kanzleiberg ein neues Jugendzentrum eröffnet. Aber schon 1975 griff die Stadt ein: Die Disko des Jugendzentrums durfte nicht mehr ohne Weiteres öffnen, und es durfte kein Alkohol mehr von den Besuchern mitgebracht werden. Die Gründe dafür: Schlägereien und Sachbeschädigungen. Ein Nachtleben ganz ohne Konflikte, das gab es weder damals, noch gibt es das heute. (seg)

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