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Alles ganz ROSA!?

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Von: Dagmar Klein

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IMG_3062_021221_4c © Dagmar Klein

Die Gruppenschau des Oberhessischen Künstlerbunds ist noch bis Ende Januar im KiZ zu sehen. Unter dem Titel »ROSA« wurde sie am Donnerstag vor Publikum eröffnet.

Es verblüfft einigermaßen, dass der Oberhessische Künstlerbund seine traditionelle Gruppenausstellung zum Jahresende unter das Thema »ROSA« stellt. Diese Farbe ist einseitig weiblich konnotiert, beginnend bei Baby-Rosa bis zum alles überziehenden Mädchen-Pink. Umso interessanter ist die Frage, wie Künstler und Künstlerinnen damit umgehen. Zu erleben bis Ende Januar im KiZ, dem Ausstellungsraum des Kulturamts Gießen an der Kongresshalle.

Maggie Thieme war offenbar sehr inspiriert, sie präsentiert ein amüsantes kleines Mobile mit rosafarbenen Fundstücken, die von Schnuller über Söckchen und Schlüsseletui bis zu Geldscheinen reichen; aber auch eine wandernde Leuchtschrift mit einem Zitat von Rosa Luxemburg. Volker Kusterer nutzte den Anriss des bekannten Porträtfotos von Rosa Luxemburg, das er in eine digitale Collage integriert.

Von Rosa Luxemburg ließ sich auch Katja Ebert-Krüdener inspirieren, die aus einem der Briefe aus dem Gefängnis zitiert. Rosa Luxemburg beschreibt darin mit lyrischen Worten das Rosa von Wolken im Sonnenuntergang. Der abgetippte Textauszug ist mit kräftigem Magenta-Pink unterlegt. Diese Farbe bildet auch den Untergrund für ein weiteres, ein großformatiges Bild, bei dem die Malerin ihre bisher üblichen geometrisch starren Raster in ein organisch verzogenes Netzgewebe überführt. Durch die farbliche Fassung wirkt es sogar dreidimensional.

Zeichnungen mit Zartrosa gibt es in verschiedenen Variationen: ein Papierfaltboot auf rosa Grund von Renate Bechthold etwa, abstrakte Skizzen von Yutta Bernhardt, eine Gebirgsassoziation von Angelika Nette oder »eindringendes Rosa« von Karl Heinz Till. Zartes Email-Rosa lässt Henrik Wienecke mit seinen mächtigen Stahl-Skulpturen kontrastieren. Berthold Zavaczki gelingt ein vergleichbarer Kontrast in seinem Medium Keramik-skulptur. Auf der gegenüberliegenden Seite das Raumes stellt die Farbstreifenfolge von Andreas Rück die lässige Frage: »ohne Titel - Rosa?«.

Farberuptionen und Politisches

Politisch-aktuelle Bezüge lassen sich in versteckter und offener Form finden. Beim Betreten des Ausstellungsraumes in der rosafarbigen Leuchtschrift von Marina Rafaella Cerea, die verkündet: »it won’t happen to me«. Und daneben in der Bilderserie von Werner Braun, die durch ihren rosa-fliederfarbenen Grund das Auge magisch anzieht. Auf den ersten Blick sind Blumenarrangements zu sehen, doch der zweite Blick offenbart die menschlichen Mutationen darin: Kopfknospen, körperhafte Blütenstempel oder sich befreiende Menschlein aus sich öffnenden Calla-Blüten. Kombiniert mit den Titeln bewirken diese Bilder ein Dauerschmunzeln beim Betrachten. Denn »Mehrere Studien belegen«, dass »keine Zusammenhänge möglich« sind, dass »seltene Ausnahmen möglich« sind, inzwischen »das Gegenteil bewiesen« ist. Eine wunderbare Persiflage auf das derzeit allgegenwärtige Zitieren von Studien.

Dagmar Bolterauer zeigt eher lakonisch ein Gesicht mit rosa Mund-Nase-Schutz. Dieter Hoffmeister hat im Untergeschoss eine rosapastellige Insel mit Fundstücken aufgebaut, Titel »After the Storm«. Darauf zu erkennen ist eine touristische Idylle neben zerstörten Holzhäusern. So wird das liebliche Rosa ins Gegenteil verkehrt. Politisch sehr direkt ist Wennemar Rustige, indem er das rosa Dreieck, Kennzeichen für Homosexuelle in den NS-Konzentrationslagern, mit einem pinkfarbenen Polizeihelm kombiniert, Aufschrift »verschwuchtelt«. Daneben eine Installation mit Knallkörper von Norbert Grimm samt Titel in der ihm eigenen Wortfindung: »Fibonacci von Prosa«. Die Schönheit von Rot-Rosa-Formen finden Paulina Heiligenthal, Anne Held und Maggie Thieme in abstrakten Fotografien, Christel Dütge in einem kleinen Eintrittscoupon auf ihrer Buchassemblage, Renate Donecker in ihren kleinformatigen Fantasielandschaften. Bei den Keramikern Karin Schweikhard und Michael Limbeck erscheint der Umgang mit Rosa ganz selbstverständlich, bei Schweikhard in kräftiger Pastellmalerei und bei Limbeck in kachelförmigem Steinzeug. Marion Fischer und Frank Wojtynowski zeigen Farb-Landschaften, die in Abstraktion übergehen, während bei Susanne Jacobs lustige humanoide Formen entstehen, etwa beim »Rosazehen«-Bild. Gisela Denninghoff ist mit einer ihrer Farberuptionen vertreten, die an aktuelle Bilder von Lava-Strömen auf der Kanareninsel La Palma erinnern.

Die Ausstellung ist zu erleben bis Ende Januar. Das KiZ (Kultur im Zentrum) ist Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr, geöffnet.

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OKB_Rosa_Wienecke_Stahl__4c © Dagmar Klein
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OKB_Rosa_Kusterer_ROSA-P_4c © Dagmar Klein

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