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Alles am Fluss

  • vonChristian Schneebeck
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Fein säuberlich eingetopfte Brennnesseln, XXL-Sushi und ein Kissen aus Beton: Am Lahnufer haben traditionell viele Menschen ihre Finger im Spiel. Die 13 Skulpturen, die dort bis Anfang Oktober zu sehen sind, kommen aus einem Seminar des JLU-Instituts für Kunstpädagogik.

Eine gewisse Schmerzfreiheit gehört dazu. Vielleicht stapft Catharina Rother deshalb am Samstag unverdrossen mit kurzer Hose durch das hüfthohe Dickicht aus Brennnesseln neben dem Fledermaushabitat an der Lahn. "Das sind ja auch ein bisschen unverstandene Geschöpfe", sagt die Kunststudentin, wenn man sie nach ihrem neuesten Werk fragt. Man könne zum Beispiel die heilende Kraft nutzen oder leckeren Tee daraus kochen. Aus den Brennnesseln, nicht aus den Fledermäusen. "Künstliches Paradies für Wildpflanzen" nennt Rother das selbstgeschweißte Gewächshaus mit historisierenden Elementen. Darin präsentiert sie an Ort und Stelle ausgegrabene Brennnesseln, eine Etage höher gelegt und fein säuberlich in Töpfe gepflanzt.

Kissen aus Beton und goldene Haufen

Rothers Werk ist eine jener 13 "bildhauerischen Interventionen", die bis zum 2. Oktober an der Lahn, zwischen Christoph-Rübsamen-Steg und Rugbyfeld, zu sehen sind. Entstanden sind sie im Sommersemester am Institut für Kunstpädagogik der Justus-Liebig-Universität. Das heißt: Eigentlich arbeiteten die elf Künstlerinnen und zwei Künstler wegen Corona meist zu Hause. Bei der dezentralen Eröffnung der Ausstellung sieht Seminarleiter Prof. Ansgar Schnurr viele das erste Mal seit Monaten wieder persönlich. Und er ist "richtig stolz", welche Ergebnisse die Gruppe mitgebracht hat.

Die durchweg beeindruckenden Skulpturen reichen von einem aus Beton gegossenen "Zwilling" eines Original-Baumstamms (Lea-Marie Frey) bis zu nachgeformten, mit Blattgold sowie Goldlack überzogenen Hundehaufen (Hannes Borgmeier) und von einer riesigen künstlichen Sushirolle zwischen einer markanten Baumgabelung (Kyra Engel) bis zu dem "Naturomat", mit dem Stefania Gerundo am Oswaldsgarten einlädt, sich ein "Stück Natur" für die Mittagspause zu ziehen. Alle Werke verbindet die Frage, wer das Lahnufer für was genau nutzt - und wie diese Ansprüche das Areal prägen.

Da wäre etwa die Funktion als urbaner Erholungsraum. Monika Kunkel ("Pillow") stattet ihn mit einem recht speziellen Kissen aus. Es ist aus Beton und Styropor und wiegt knapp 350 Kilogramm. Nach dem Probeliegen verarztet Kunkel sogleich eine blutende Wunde am Finger. Verletzungen vom Verputzen, erklärt sie. Das Probeliegen sei natürlich unbedingt erwünscht. Verglichen mit dem Kissen wirkt Melissa Jackowskis "Flugtschundetschabo" beinahe grazil. Der "Hybrid aus Mensch und Taube" besteht aus einem Holzskelett, Pappmaché, Styropor und Polyharz. Er hockt im Gras, erschreckt zuerst ein wenig - und lässt dann über den Hang zum Hierarchisieren grübeln.

Beeindruckende Skulpturen

Grübeln müsste man außerdem dringend mal über die Unsitte, ständig Müll in der Natur zu verklappen. Frauke Hubal greift sie mit dem "Mahnmal der gefallenen Fahrräder" auf. Die 14 Schrottfahrräder, aus denen das bunte Kunstwerk zusammengesetzt ist, wurden zwar nicht wirklich aus der Lahn geborgen. "Aber sie sind jetzt immerhin auch nicht darin gelandet", scherzt die Künstlerin. Wie viele Badegäste früher zwischen Oswaldsgarten und Sachsenhäuser Brücke über einen fast vergessenen Badeeinstieg im Fluss gelandet sind, bleibt unklar. Als Regina Makko auf das Edelstahlgeländer stieß, das seinen Zweck bis in die 1960er Jahre hinein erfüllte und nun im Gestrüpp vor sich hin rostet, war die Idee für ihr "Freibad" geboren. Einen Steinwurf von dem Einstieg entfernt lässt Makko lokale Flussgeschichte wieder aufleben.

Diese und weitere Skulpturen warten nun darauf, entdeckt, bestaunt und interpretiert zu werden. Die mitunter große Distanz zwischen den einzelnen Stationen birgt zwar die Gefahr, den Zusammenhang nicht ohne Weiteres zu erkennen. Sie prädestiniert die Ausstellung aber auch für einen inspirierend-nachdenklichen Spätsommer- oder Frühherbst-Spaziergang am Fluss.

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