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Allerbeste Unterhaltung und viel zu lachen

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Von: Sonja Schwaeppe

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Schriftsteller Markus Orths eröffnete die diesjährige Ausgabe von »Eine(r) liest« in den Marktlauben. © Sonja Schwaeppe

Gießen (son). Auf Bänken unter den Marktarkaden sitzend oder an Stehtischen lehnend erwarteten am Sonntag pünktlich um 11.30 Uhr rund 40 Literaturfreunde gespannt die neueste Auflage von »Eine(r) liest«. Initiator Uwe Lischper lädt bereits im 15. Jahr zu dieser beliebten Literaturveranstaltung ein, die kostenlos, aber gewiss nicht umsonst ist. Beweist Lischper doch stets, dass er ein Händchen für Autoren hat.

So auch dieses Mal.

Zum Auftakt der diesjährigen Auflage gewann er mit Markus Orths einen mit Preisen überhäuften Schriftsteller, der zahlreiche Romane, Erzählungen, Kinderbücher und Theaterstücke verfasst hat. »Aufmerksam wurde ich auf ihn durch seine Kurzgeschichten«, berichtete Lischper, »denn seine Geschichten sind so voller Humor.« Der 53-jährige Orths, der aus Viersen stammt und mittlerweile in Karlsruhe lebt, hatte vier Geschichten im Gepäck. Zwei Kurzgeschichten entstammten seinem 2006 erschienenen Band »Fluchtversuche«.

»Fluchtversuche« und »Kleine Welt«

In »Kleine Welt« erzählte Orths auf hintersinnige, humorvolle Art von einem Menschen, der in eine Art Wahn gerät und in anderen Menschen stets Parallelen zu ihm bereits bekannten Leuten entdeckt. So reduziert der Ich-Erzähler seine Welt zunächst auf ein »45-Leute-Schema«, das sich immer wieder in anderen zu wiederholen scheint, bis ihm schließlich über Umwege und der direkten Konfrontation mit seinen Eltern klar wird, »dass diese ganze verdammte Welt, die ich bislang als die äußere und die äußerste Realität und Wahrheit angenommen und angesehen habe, aus nichts anderem bestand als aus - mir selbst.«

Die Erzählung »Kleine Welt« könne man als Replik auf Descartes verstehen, der davon überzeugt war, dass man an allem verzweifeln könne, nur nicht am eigenen Ich. »Diese Geschichte war vielleicht der härteste Brocken«, schmunzelte Orth, der sich freute, hier in Gießen zu sein. »Ich war schon öfters hier, beispielsweise für die Neufassung von »Frühlingserwachen« am Stadttheater«, sagte er. Philosophisch ging es mit der nächsten Geschichte weiter. »Das große O« handelt von einem Philosophie-Examen, passt aber zu allen möglichen Prüfungssituationen, die wirklich traumatische Erlebnisse sein können«, meinte Orths. Das Publikum nahm diese Geschichte begeistert auf wie auch »Irmas letzte Sätze«, die als Bonustrack in Orths neuestem Werk »Ewig währt am längsten - Tante Ernas letzter Tanz« verstanden werden können. »Eigentlich ist es ein Gespräch zwischen Mutter und Sohn - der Sohn kommt nur nicht zu Wort«, sagte Orth. Orths niederrheinische Großmutter stand Patin für diese Frauenfigur, die diese mündliche Erzähltradition pflegt, bei der man vom Hundertsten ins Tausende kommt, »aber dennoch nicht den dramaturgischen Faden verliert.« Während Orths Familie wohl leicht genervt von der redseligen Oma schien, habe er, Orth, einfach gerne zugehört und viel von dieser »rheinischen Erzähltradition« mitbekommen. Ein Glück für die »Eine(r) liest«-Fans, denn die waren begeistert. »Allerbeste Unterhaltung«, »So was Lustiges habe ich schon lange nicht mehr gehört« und »Schade, dass es schon vorbei ist«, hieß es nach der Stunde Lesevergnügen unter den Arkaden.

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