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An Gleis zwei fährt ein… Züge gibt es noch, aber kaum Fahrgäste. Foto. cg

Allein mit der Stimme aus dem Lautsprecher

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Ein Zug mit Güterwaggons rattert vorbei. Danach ist es still. Die Bahnsteige liegen verwaist in der Morgensonne, ein kalter Wind fegt über die Gleise. Niemand hastet zu den Zügen, niemand sitzt auf den Bänken. Ein paar Tauben trippeln umher. Ihre Suche nach Krümeln bleibt erfolglos, es gibt keine Abfälle. Der Boden ist sauber, die Müllmänner haben ihn besenrein hinterlassen. Nur Kaugummi und Taubendreck sind noch da.

Der nächste Zug an Gleis 2 fährt nach Hannover, an Gleis 3 ist einer nach Hanau vorgesehen. Ob sie wirklich fahren, ist ungewiss. "Fahrplanänderungen, bitte Internet beachten" steht auf der digitalen Anzeige. "Fahren Sie nur, wenn es unumgänglich ist", heißt es dort weiter. Je mehr Trubel in Vor-Corona-Zeiten an einem Ort herrschte, desto gespenstischer wirkt er nun in der Pandemie.

Eine junge Soldatin kommt die Treppe hinauf . Sie ist mit einer Tarnmuster-Uniform bekleidet und schleppt zwei Rucksäcke. Einen riesigen trägt sie auf dem Rücken, einen kleineren hält sie in der Hand. Ratlos schaut sie sich um. Sie legt ihre Last ab, holt ihr Smartphone aus der Tasche. Nach einem kurzen Telefonat schultert sie ihr Gepäck und tritt den Rückzug Richtung Treppe an.

Woher mag sie kommen? Ist sie unterwegs nach Hause oder bricht sie zu einem Einsatz auf? Wie immer, wenn man Reisende beobachtet, entstehen vor dem geistigen Auge Geschichten. Das gilt auch für den jungen Mann im schwarzen Mantel, der jetzt den Bahnsteig betritt. Er zieht einen schwarzen Rollkoffer hinter sich her, sein Mundschutz bedeckt fast das ganze Gesicht. Er lässt sich in Abschnitt B auf einer Bank nieder und starrt finster auf seine Füße.

"Beachten Sie die Fahrplanänderungen", tönt es aus dem Lautsprecher. Drüben am Busbahnhof ist ein bisschen mehr los, aus der Ferne sieht man einige wartende Fahrgäste mit großen Sicherheitsabständen stehen. Die Stadtbusse der Linien 2 und 15 kommen fast leer an und fahren nach einem kurzen Stopp immer noch fast leer weiter Richtung Innenstadt. Der Ostwind trägt Gesprächsfetzen von Gleis 4 herüber. Zwei Männer sitzen dort auf einer Bank. "Ich sehe es jemandem an, wenn er studiert hat", behauptet der eine. "Nach meiner Erfahrung kann der echt viel wissen und trotzdem strohdumm sein." Die Reaktion des Kumpels bleibt ungehört, denn in diesem Moment schaltet sich die Lautsprecherstimme wieder ein. "Bitte Vorsicht an Gleis 1."

"Geben Sie acht auf sich und andere", heißt es auf der fortlaufenden digitalen Anzeige. Besser, man läuft fürs erste fort von hier. (cg)

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