+
Hohe Sicherheitsvorkehrungen am Landgericht Gießen - monatelang. FOTO: SCHEPP

Alle Angeklagten gehen in Revision

  • schließen

Gießen(khn). Derart hohe Sicherheitsvorkehrungen über ein halbes Jahr lang - das gibt es am Landgericht Gießen selten: Regelmäßig 20 bewaffnete und schwer ausgerüstete Polizisten im Gebäude und im Gerichtssaal, SEK-Beamte, Spürhunde, die nach Sprengstoff suchen und Kontrollen der Zuschauer wie am Flughafen. Zwischen Mai und Oktober war dort sechs Männern aus der ehemaligen, rockerähnlichen Gruppe "Bahoz" der Prozess gemacht worden. Sie hatten im November 2018 sieben Männer in einer Weststadtbar gefoltert und waren von Richter Jost Holtzmann zu zum Teil hohen Haftstrafen verurteilt werden. Wie Staatsanwalt Rouven Spieler gegenüber dieser Zeitung bestätigt, haben die Angeklagten allesamt Revision eingelegt.

Die Angeklagten hatten die teilweise aus dem Umfeld der Gruppe stammenden Männer in einer Bar an der Rodheimer Straße gefangen gehalten und brutal gefoltert - oder waren zumindest daran in irgendeiner Form beteiligt gewesen. Spiritus Rector war der Boxclubboss, ein 35 Jahre alter Biebertaler. Er hatte unter erheblichem Kokaineinfluss und wohl wegen einer beginnenden drogeninduzierten Psychose ein Mordkomplott gegen sich gewittert.

Ihn verurteilte Holtzmann unter anderem wegen Geiselnahme und gefährlicher Körperverletzung zu acht Jahren und zwei Monaten Haft. Die Strafen für die übrigen fünf Angeklagten liegen zwischen neun Monaten auf Bewährung und vier Jahren Haft.

Die Verurteilung der Männer war vor allem den Geständnissen zweier Tatbeteiligter zu verdanken. Der eigentliche Kronzeuge, der die Sache ins Rollen gebracht hatte und mittlerweile unter einer anderen Identität im Zeugenschutz lebt, war mit eklatanten Wissenslücken aufgefallen. Für die Gießener Staatsanwaltschaft ist jedoch entscheidend, was am Ende bei dem Prozess herausgekommen ist - nämlich zum Teil hohe Haftstrafen für die Angeklagten. In einem Fall sogar höher, als Spieler gefordert hatte.

Die Staatsanwaltschaft hatte die Gruppe schon länger im Visier und mit der Polizei den Fahndungsdruck durch Razzien hochgehalten. Diese zielten vor allem auf eine mögliche Beteiligung der Gruppe am Drogenhandel. Wie es um die anderen Mitglieder bestellt ist und ob "Bahoz" auf irgendeine Art und Weise fortbesteht, dazu ist den Ermittlungsbehörden nichts bekannt. Spieler sagt: "Die Gruppierung war nach bisherigen Erkenntnissen offiziell ohnehin bereits aufgelöst." Und auch die Türen der Weststadtbar sind seit langer Zeit verschlossen. Es scheint, als sei hier dem Spuk ein Ende bereitet worden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare