Narges Rashidi lebt seit einigen Jahren in Los Angeles, ist aber immer wieder in Gießen zu Besuch, da ein Großteil ihrer Familie in der Universitätsstadt lebt. FOTOS: TOM WAGNER
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Narges Rashidi lebt seit einigen Jahren in Los Angeles, ist aber immer wieder in Gießen zu Besuch, da ein Großteil ihrer Familie in der Universitätsstadt lebt. FOTOS: TOM WAGNER

"Ali hat mich für die Rolle trainiert"

  • Marc Schäfer
    vonMarc Schäfer
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Narges Rashidi ist derzeit als das Oberhaupt der kurdischen Mafia in der Serie Gangs of London auf Sky zu sehen. Die Kritiker sind voll des Lobes für die Leistung der 40-jährigen Schauspielerin. Im Interview spricht Rashidi über die Serie und verrät, was das alles mit Gießen zu tun hat.

Sie sind derzeit auf Sky in Gangs of London zu sehen. In Großbritannien wurde die erste Staffel als "Beste Serie des Jahres" gefeiert. Was hat Sie daran fasziniert?

Rashidi:Die Serie ist wahnsinnig komplex, und sie wird modern erzählt. Die Kombination aus Action und Drama ist sehr gut gelungen. Das hat mich gereizt. Ich habe im vergangenen Jahr für den Dreh acht Monate lang in London gelebt. Die Stadt ist bunt, man hört sehr viele Sprachen und erlebt sehr viele Kulturen. Das spiegelt sich in der Serie wider.

Wenn es Kritik an der Serie gab, zielte die sehr oft auf die umfangreichen Gewaltszenen ab. Wie haben Sie das erlebt?

Rashidi:Ich habe nicht das Gefühl, dass die Serie gewaltverherrlichend ist, sonst hätte ich das Projekt nicht angenommen. Showrunner Gareth Evans ist berühmt für seine coolen Actionszenen und -choreografien. Darüber hinaus ist die Serie allerdings auch durch die komplexe Geschichte und extrem fein und dreidimensional erzählte Figuren geprägt.

Es war für ihn das erste Mal, dass er eine Fernsehserie gemacht hat.

Rashidi:Ich finde, dass das Fernsehen inzwischen so aufgeholt hat, dass es keine Rolle mehr spielt, ob man Kino oder Fernsehen macht. Auch als Schauspieler. Es gibt so tolle Serien, die oft wie zehn einzelne Kinofilme gedreht worden sind. Eine Serie lässt sich ganz anders erzählen, man hat viel mehr Zeit, auf die einzelnen Geschichten und Charaktere einzugehen. Ich finde nicht so wichtig, ob Blockbuster, Streamingdienst oder Fernsehen, entscheidender ist die Qualität des Drehbuchs und die der Rolle. Entweder reizt mich die Figur oder eben nicht.

Die Rolle der Lale in Gangs of London, Oberhaupt der kurdischen Mafia, die mit dem durch Drogenhandel erwirtschafteten Geld ihr Volk unterstützt, hat Sie dann sicher sehr gereizt.

Rashidi:Ich bin ein Fan von starken Frauenfiguren, auch weil ich das Gefühl habe, dass es in Filmen nicht genug gibt. Und Lale ist mehr als eine starke Frau. Sie ist eine Stufe drüber. Das hat mich sehr fasziniert. Auf der einen Seite das Physische, das sie mitbringen muss, aber auch das ganze Drama, das sie bereits durchlebt hat, ihre Geschichte. Sie wird von einer Extremsituation in die nächste hineingezogen. Es ist reizvoll, eine solche Rolle zu spielen. Die Figur bietet einem Schauspieler sehr viele Möglichkeiten. Lale führt ihre kriminelle Organisation nicht aus Habgier, um in Saus und Braus zu leben, sondern einzig und allein aus einem ideologischen Grund, um ihr Volk zu unterstützen.

Sie haben für die Rolle sogar extra Kurdisch gelernt.

Rashidi:Ja. Das Casting habe ich noch auf Türkisch gemacht, aber Lale ist nunmal Kurdin. Die ersten drei Wochen des Lernens habe ich verflucht. Aber es war mein Anspruch, der kurdischen Sprache gerecht zu werden. Mir war es sehr wichtig, dass jeder Mensch kurdischer Herkunft, der die Serie im Originalton schaut, auch glaubt, dass ich Kurdin bin. Das ist mir gelungen und darauf bin ich sehr stolz. Es war zwar sehr viel Arbeit, dennoch hat es sich gelohnt. Ich fände es daher toll, wenn die Zuschauer die Serie im Originalton mit Untertiteln anschauen, weil dann das London von heute, die verschiedenen Sprachen und Kulturen zu spüren sind.

Die Sprache war aber nicht das Einzige, was Sie für diese Serie gelernt haben. Stimmt es, dass Ihr Bruder Ali Rashidi Sie in Gießen in seinem Sportstudio für die Kampfszenen fit gemacht hat?

Rashidi:Ja. Das stimmt. Ich bin oft in Gießen, denn mittlerweile lebt fast meine ganze Familie dort. Meine Eltern, mein Bruder Peyman und natürlich Ali. Als er noch das Newscafé hatte, habe ich fast jedes Jahr auf dem Gießener Stadtfest geholfen. In Bezug auf Lales Körperlichkeit habe ich mich von Ali coachen lassen. Als ich kurz vor Drehbeginn nach Deutschland kam, hat er mich in Gießen trainiert. Wir hatten eine super Zeit. Um mich körperlich auf eine neue Rolle vorzubereiten, würde ich immer wieder bei ihm anklopfen. Seine Meinung ist mir wichtig, ich bin sein größter Fan. Überhaupt haben wir als Familie eine sehr enge Bindung.

Woher kommt diese Bindung?

Rashidi:Meinen Eltern ist das wichtig, sie haben uns so erzogen. Ich weiß noch genau, wie schön es für mich als kleines Mädchen war, drei ältere Brüder zu haben. Manchmal war es hart, denn ich hatte nicht nur drei Brüder, sondern auch vier Väter, aber es war auch wahnsinnig toll. Als wir in der Türkei leben, hat mich Ali als kleiner Junge jeden Morgen in meine Schule gebracht, bevor er selbst zur Schule ging. Ohne die Unterstützung meiner Brüder wäre meine Schauspielausbildung in dieser Form nicht möglich gewesen. Durch Corona hatte ich viel Zeit, mein bisheriges Leben zu reflektieren, dabei ist mir noch einmal sehr klar geworden, was für ein Glück ich mit meiner Familie habe.

Hat auch das Auswandern aus dem Iran eine Rolle für diese enge Bindung gespielt?

Rashidi:Sicherlich. Ich kenne es gar nicht anders, wir hatten immer ein enges Verhältnis. Als wir unser Land verließen und neu anfingen, waren wir als Familie sehr auf uns selbst gestellt. Wenn wir nicht zusammengehalten hätten, wären wir nicht da, wo wir heute sind.

In einem früheren Interview haben Sie gesagt, dass Ihnen häufig Rollen von Frauen mit Migrationshintergrund angeboten werden. Hat sich das inzwischen verändert?

Rashidi:Der Beruf des Schauspielers bringt es mit sich, dass man für alles, was man ist, in Schubladen gesteckt wird. In meinem Fall und wegen meiner Wurzeln war das anfangs so, und es ist auch heute noch immer ein Thema, Es beginnt sich langsam zu verändern, doch die Rollen im Filmgeschäft sind noch nicht fair aufgeteilt.

Das heißt, Sie sagen auch Rollen ab, wenn es Ihnen zu viel Klischee ist?

Rashidi:Als Schauspielerin muss ich das Beste aus meinen Angeboten machen, aber ich sage mittlerweile das eine oder andere Projekt ab - aus verschiedenen Gründen. Einer davon ist, wenn mir die Rolle zu sehr mit Klischees behaftet ist. Ich will nicht falsch verstanden werden, ich porträtiere gerne auch Frauen mit Migrationshintergrund, ich finde es allerdings schwierig, wenn die Rolle nur auf ihre Herkunft begrenzt wird.

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