Prof. Albrecht Beutelspacher hat bereits über 30 Bücher geschrieben. FOTO: SCHEPP
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Prof. Albrecht Beutelspacher hat bereits über 30 Bücher geschrieben. FOTO: SCHEPP

Mensch, Gießen

Albrecht Beutelspacher: Mathe, Muse, Museum

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Das Mathematikum ist Albrecht Beutelsbachers Lebenswerk. Mit diesem Museum hat er Gießen ein großes Geschenk gemacht. Heute wird Beutelsbacher 70 - und erhält selbst Geschenke.

Im Eingangsbereich des Mathematikums hängt eine Unendlichkeitsmaschine. 26 Zahnräder, die sich gegenseitig antreiben. Das erste Rad dreht sich zehnmal in der Minute, das dritte braucht für eine Umdrehung zehn Minuten, und bis sich das oberste einen Millimeter bewegt hat, werden über zwei Billiarden Jahre vergehen. Wenn man so will, ist Albrecht Beutelspacher im Mathematikum so etwas wie das unterste Zahnrad. Er hat alles in Gang gesetzt, und er treibt die Einrichtung heute noch an. Dabei hat er es geschafft, ein trockenes Schulfach mit Leben zu füllen. "Es ist toll, wie zufrieden die Kinder regelmäßig das Gebäude verlassen", sagt der Professor und fügt lächelnd an: "Nicht etwa, weil sie das Museum endlich verlassen dürfen, sondern weil es ihnen so viel Spaß gemacht hat."

Beutelspacher selbst ist in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Seine Eltern führten in Tübingen ein Handarbeitgeschäft. Zusammen mit den Eltern und den fünf Brüdern wuchs er in einer kleinen Wohnung in der Altstadt auf. Schlafzimmer, Küche, Wohnzimmer. Mehr nicht. Trotzdem sagt er heute: "Ich hatte eine schöne Jugend."

Dazu gehörte auch die Musik. Beutelspacher spielte Klavier und Horn. Am besten war er aber an der Orgel. "Das war ein sehr gutes Training. Ich wusste: Sonntags um zehn Uhr musst du in der Kirche etwas Ordentliches abliefern. Das hat mir sehr geholfen, mich zu professionalisieren."

Auch wegen der Schule erinnert sich Beutelspacher gerne an die Jugend zurück. Nicht nur weil er Spaß am Lernen hatte, sondern auch wegen der gesellschaftlichen Entwicklungen. "Meine Zeit auf dem Gymnasium fiel mit der 68er-Bewegung zusammen." Auch Beutelspacher vertrat die Meinung, dass Deutschland kräftig durchgelüftet werden müsse. Also lief er auf Demonstrationen mit und beteiligte sich an den Protesten. Heute muss der Professor beim Gedanken daran schmunzeln: "Die Jungen hatten damals eine unglaubliche Hybris. Wir dachten, die Welt wäre sofort besser, wenn sie an der Macht wären."

Nach dem Abitur begann Beutelspacher in seiner Heimatstadt ein Studium der Mathematik. Nicht unbedingt aus Leidenschaft, wie er heute sagt. "Nach dem Abitur hatte ich ein Gespräch mit einer Frau vom Arbeitsamt. Sie hat gesagt: Interesse haben Sie an Mathe und Sprachen. Begabt sind Sie in Mathe. Da war die Entscheidung einfach."

Dass aus dem Interesse eine Leidenschaft fürs Leben werden sollte, hat der 70-Jährige einer Dozentin zu verdanken. "Sie hat deutlich gemacht, dass ihr Mathe Spaß macht. Und dass sie will, dass auch wir Spaß daran haben. Das war etwas völlig Neues." Für Beutelspacher war die Begegnung ein Glücksfall. Die Professorin erkannte sein Potenzial und nahm ihn unter ihre Fittiche. Sie betreute ihn beim Diplom, der Doktorarbeit und der Habilitation. Beutelspacher hat in seinem Leben 35 Bücher geschrieben, seine Diplomarbeit über Geraden im dreidimensionalen Raum bezeichnet er aber noch heute als eines seiner besten Werke.

Nach dem Studium erhielt der Mathematiker ein Angebot von Siemens in München. Er sollte eine Forschungsgruppe aufbauen, die sich mit dem damals neuen Feld der Datensicherheit beschäftigten sollte. Eine spannende Aufgabe, schließlich war es die Zeit, in der das Internet aufkam und von Hackern als Spielwiese betrachtet wurde. "Da es damals aussichtslos war, eine Stelle an einer Hochschule zu erhalten, habe ich angenommen", sagt Beutelspacher. Eine gute Entscheidung, zumindest auf den ersten Blick: Die Arbeit machte ihm Spaß, sein Chef förderte ihn, zudem herrschte in der Branche Aufbruchsstimmung. Trotzdem wurde er nicht glücklich.

Seine Frau hat Beutelspacher beim Musizieren kennengelernt. "In einem Chor in Tübingen", verrät der Professor. Die beiden wurden Eltern eines Sohnes und einer Tochter. Während seiner Zeit bei Siemens waren die Kindern noch klein - und bekamen den Vater kaum zu Gesicht. "Ich bin früh morgens zur Arbeit und kam erst spät wieder nach Hause. Ich habe meine Kinder fast nur schlafend erlebt." Das war der Zeitpunkt, als Beutels-pacher beschloss, sein Leben zu ändern. Die freie Stelle an der JLU kam da wie gerufen. Er bewarb sich, wurde angenommen und zog 1988 nach Gießen.

"Ich bin die Aufgabe mit Begeisterung angegangen, habe viele Vorlesungen gehalten und etliche Doktoranden begleitet", sagt Beutelspacher. Außerdem führte er ein neues Lehrformat ein, das den Grundstein für das heutige Museum legen sollte. "Ich wollte, dass die Studenten nicht nur Texte bearbeiten, sondern auch ein Objekt herstellen." Beutelspacher spricht von einem "wahnsinnigen Erfolg". Die jungen Leute hätten eine nie dagewesene Begeisterung an den Tag gelegt. Von den Ergebnissen waren er und seine Studenten so angetan, dass sie daraus eine Wanderausstellung konzipierten. "Danach habe ich angefangen, Examensarbeiten mit der Aufgabe eines interaktiven Exponats zu verknüpfen. Dadurch ist die Zahl der Modelle stetig gewachsen."

In Beutelspacher reifte die Erkenntnis, dass die Arbeiten ein größteres Publikum verdient hätten. Mit seiner Idee für ein Museum stieß er auf offene Ohren. Die Stadt stellte das Gebäude am Bahnhof zur Verfügung, das Land steuerte eine Million D-Mark bei. Und am 19. November 2002 kam der damalige Bundespräsident Johannes Rau zur Eröffnung. Beutelspacher lächelt bei der Erinnerung: "Er hat einen Satz gesagt, den ich heute noch gerne zitiere: Mathematik kann Spaß machen. Das habe ich hier erfahren."

Der Name Beutelspacher ist untrennbar mit dem Mitmachmuseum verbunden. Trotzdem wird die Einrichtung in absehbarer Zeit ohne ihren Spiritus rector auskommen müssen. "Ich bin in einem Alter, in dem ich jeden Tag froh sein kann, dass es mir gut geht", sagt der 70-Jährige und betont, dass es im kommenden Jahr einen größeren Einschnitt in der Museumsleitung geben werde. Sorgen scheint er sich deswegen aber nicht zu machen. "Ich habe bereits viel Verantwortung an Jüngere abgegeben. Und sie haben die Chance genutzt."

Vermutlich läuft es im Mathematikum wie bei der Unendlichkeitsmaschine. Wenn alle Rädchen ineinandergreifen, erreicht man irgendwann das Ziel: Es muss ja nicht gleich zwei Billiarden Jahre dauern.

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