Der Prozess um den Angriff von Gießener Bahoz-Mitgliedern auf eine Shishabar in Offenbach steht kurz vor dem Abschluss. FOTO: SCHEPP
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Der Prozess um den Angriff von Gießener Bahoz-Mitgliedern auf eine Shishabar in Offenbach steht kurz vor dem Abschluss. FOTO: SCHEPP

"Die Aktion war hinterhältig"

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Mehrmals war das Opfer eines Angriffs auf eine Shishabar in Offenbach nicht vor dem Landgericht Gießen erschienen. Kurz vor Ende des Verfahrens konnte er schließlich doch vorgeführt werden. Seine Aussagen sorgten zum Teil für Irritationen.

Er hatte sich lange bitten lassen. Weder erschien der 32 Jahre alte Mann beim Auftakt des Prozesses vor dem Landgericht Gießen um einen Angriff auf eine Shishabar in Offenbach vor vier Jahren - was verwunderte, denn er ist der Nebenkläger. Dann fehlte er mehrmals unentschuldigt bei Verhandlungstagen in der Außenstelle "Am Stolzenmorgen". Oder er rief Richter Andreas Wellenkötter und Staatsanwalt Rouven Spieler an und sagte, er habe Angst, auszusagen. Kurz vor Abschluss des Prozesses konnte er nun von der Polizei vorgeführt werden.

Seine Aussage gilt als wichtiges Puzzleteil bei der Frage, ob sieben Männer im Juni 2016 als Teil einer 18-köpfigen Gruppe in Offenbach eine Shishabar gestürmt und Gäste angegriffen haben. Auslöser sollen Rivalitäten zwischen der kurdischen rockerähnlichen Gruppe Bahoz, aus deren Umfeld die Männer stammen sollen, und den türkisch-nationalistischen Osmanen Germania sein. Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten gefährliche Körperverletzung und Landfriedensbruch vor.

Viel Neues konnte der gelernte Schweißer bei seiner sehnlichst erwarteten Aussage nicht beitragen. Als Auslöser des Angriffs vermutet er einen Streit um eine junge Frau vor einer Discothek einige Zeit zuvor. Er habe danach Anrufe mit Drohungen erhalten. Aber als die aufhörten, habe er überhaupt nicht mehr an den Vorfall gedacht. An jenem Juniabend habe er in der Shishabar ein Spiel der Fußball-EM verfolgt, als plötzlich eine Gruppe hineingestürmt sei. Er habe versucht zu fliehen, sei aber festgehalten worden. "Ich bin auch kein Superheld", sagte er. Dann habe jemand auf ihn eingestochen. Die Aktion nannte er "hinterhältig": "Es waren sowieso schon 18 Leute, und dann mit einem Messer anstatt mit Fäusten."

Zentral ist die Frage, wie der 32 Jahre alte Offenbacher einige der mutmaßlichen Angreifer erkannt haben will. Immerhin, und darauf wiesen zwei der Strafverteidiger hin, seien die Täter vermummt gewesen und es habe Pfefferspray in der Luft gelegen. Der Nebenkläger verwies auf Videoaufnahmen, die er gemeinsam mit Bekannten wie dem Präsidenten der Osmanen Germania mit Facebook-Profilen verglichen habe. So seien dort kurz nach der Tat zwei Gruppenfotos im und vorm Vereinsheim der Lions 21 Gießen, der Vorgängergruppe von Bahoz, geteilt worden. Ob der 32-Jährige selbst bei den Osmanen aktiv gewesen sei, wollte Wellenkötter wissen. "Nein, ich habe dort nur viele Freunde und Bekannte."

In die Ermittlungen involviert war ein szenekundiger Beamter vom Polizeipräsidium Mittelhessen. Er sollte anhand von Fotos, die ihm seine Kollegen aus Offenbach zugeschickt hatten, einige der Bahoz-Mitglieder identifizieren. Dass er gefragt wurde, verwundert nicht. "Wir hatten fast wöchentlich mit ihnen zu tun", sagte der 58-Jährige. Zum Kern der Gießener Bahoz hätten 15 Personen gehört; es seien aber immer wieder Leute dazugekommen oder gegangen.

Dynamische Lage

Zur Tatzeit sei der Konflikt zwischen Bahoz und Osmanen "dynamisch" gewesen: Es habe immer wieder Machtdemonstrationen auf dem Gebiet der jeweils anderen Gruppe gegeben. Dabei seien auch einige der Angeklagten immer wieder gesehen worden. Nach der Auflösung von Bahoz 2017 jedoch sei keiner der vom Beamten erkannten Gruppen-Mitglieder auffällig geworden.

Die Jugendgerichtshilfe erklärte, bei den drei von ihr betreuten Angeklagten lägen heute keine schädlichen Neigungen mehr vor. Empfohlen wurde die Anwendung des Jugendstrafrechts und ein Anti-Gewalt-Training, sollte die Schuld anerkannt werden - auch um zu lernen, sich vom Freundeskreis abzugrenzen.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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