Selbstmordattentat

Afghanischer Künstler will kein Asyl

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Bei einem Selbstmordattentat in Afghanistan ist Nasir Formuli nur knapp dem Tod entgangen. Heute wohnt er mit Frau und Kindern in Gießen. Doch ihre Zukunft ist ungewiss.

Als die Bombe explodiert, klatschen einige Leute Beifall. Sie denken, die Detonation gehört zur Aufführung. Schließlich sind sie Besucher eines Theaterstücks, das sich mit Bombenanschlägen auseinandersetzt. Doch schnell wird klar: Was in diesen Minuten im französischen Kulturzentrum von Kabul passiert, ist keine Fiktion. Ein 16-jähriger Selbstmordattentäter hat sich in die Luft gesprengt. Dutzende Menschen werden verletzt, ein deutscher Entwicklungshelfer und ein afghanischer Kameramann sterben.

Heute, vier Jahre später: Nasir Formuli sitzt in einer kleinen Dachgeschosswohnung im Gießener Osten. Er wohnt hier zusammen mit seiner Ehefrau Gita und den beiden Söhnen Arwin und Arsalan. Seit gut drei Jahren ist die kleine Familie nun schon in Deutschland, die Kinder haben hier das Licht der Welt erblickt. Doch die Formulis stehen vor einer ungewissen Zukunft. "Es gibt Probleme mit meinem Arbeitsvisum", sagt der 34-Jährige.

Dokumentation über Selbstmordattentat

Als die Bombe im Dezember 2014 explodierte, saß Formuli im Technikraum. Er war als Regisseur und Schauspieler Teil der Theatergruppe Azdar, die das Stück mit dem unheilvollen Namen "Heartbeat – the silence after the explosion" auf die Bühne brachte. Nach dem ersten Schock fing Formuli an, das Geschehen zu filmen. Aus dem Material wurde später der vielbeachtete Dokumentationsfilm "True Warriors".

Es war nicht der erste Versuch, die Mitglieder von Azdar zu töten. Und vermutlich wäre es auch nicht der letzte gewesen. "Künstler leben in Afghanistan gefährlich, vor allem, wenn sie sich gegen Gewalt aussprechen", sagt Formuli. Genau das habe seine Theatergruppe aber getan. Nach dem Selbstmordattentat im Kulturzentrum habe er Morddrohungen erhalten. "Meine Familie hat gesagt, wir müssen fliehen. Sonst wäre niemand mehr sicher."

Engagements in Bad Hersfeld, Weimar  und Gießen

Über Indien gelangte Formuli nach Deutschland. Vom Deutschen Akademischen Austauschdienst erhielt er ein Stipendium für die renommierte Schauspielschule Ernst Busch in Berlin und legte sein Diplom ab. Die anderen Mitglieder seiner Theatergruppe waren inzwischen auch in Deutschland angekommen, und so tourten sie zusammen mit anderen Künstlern für eine Theaterproduktion durch die Schauspielhäuser der Republik. Formuli wurde aber auch für Einzelprojekte angeheuert, zum Beispiel für das Nationaltheater in Weimar oder die Festspiele in Bad Hersfeld. Und auch in Gießen, der neuen Heimat der Familie, fand der Künstler schnell Arbeit. Als Puppenspieler ist er derzeit auf der taT-Bühne mit "Wolli und das Knäuel" zu sehen. Wegen seiner Engagements sei sein Arbeitsvisum stets verlängert worden, sagt Formuli. Bis jetzt.

Problem: Kein unbefristeter Vertrag

Im Januar sei ihm mitgeteilt worden, dass sein Antrag auf Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis abgelehnt werden soll. Unter anderem verlange die Ausländerbehörde von ihm einen unbefristeten Arbeitsvertrag, sagt der 34-Jährige. Festanstellungen sind unter freiberuflichen Künstler aber unüblich. Dafür habe er aber nicht nur einen Vertrag mit dem Stadttheater Gießen, sondern auch Zusagen für die Festspiele in Bad Hersfeld sowie ein großes Projekt in Österreich, sagt Formuli. Er betont zudem, durch seine Engagements genügend Geld für sich uns seine Familie zu verdienen.

Da es sich um ein laufendes Verfahren handelt, will Stadtsprecherin Claudia Boje den Fall nicht kommentieren. Sie sagt aber, dass es bei solchen Fällen keine Ermessensspielräume gebe. "Die Erteilung von Aufenthaltserlaubnissen ist kein Gnadenakt, sondern ein an bestimmte Voraussetzungen gebundener Rechtsanspruch." Boje betont auch, dass eine Ablehnung nicht zwangläufig eine Abschiebung zur Folge hätte. "Wer im Heimatland verfolgt wird oder an Leib und Leben gefährdet ist, kann Asylantrag stellen und auf diese Weise einen gesicherten Aufenthaltsstatus erlangen."

In Formulis Fall wären die Chancen wohl groß, dass der Antrag bewilligt wird. Nicht nur wegen des Anschlags, sondern auch, weil der Vater und der Onkel seiner Ehefrau von den Taliban ermordet wurden. Aber Formuli will kein Asyl beantragen. Er wolle niemanden auf der Tasche liegen, sagt er. Außerdem befürchtet er negative Folgen für seine berufliche Karriere. Asylbewerber dürfen zwar arbeiten, und auch nach einem positivem Abschluss des Verfahrens ist eine Erwerbstätigkeit erlaubt. Fraglich ist aber, ob Formuli dann reisen dürfte. Sein Engagement in Österreich und die dazugehörige Europa-Tournee wären geplatzt. Nicht zuletzt hat die Familie Angst, als Asylbewerber in eine Flüchtlingsunterkunft ziehen zu müssen.

Arbeitsvisum oder Asylantrag? Das soll sich bei einem Termin auf der Behörde entscheiden. Eines weiß Formuli aber schon jetzt: "Wir können nicht zurück nach Afghanistan."

True Warriors

Viel beachtete Dokumentation

Der Journalist Niklas Schenk hat auf das Schicksal von Nasir Formuli aufmerksam gemacht. Schenk und seine Ehefrau Ronja von Wurmb-Seibel waren lange Zeit in Afghanistan und haben später den Dokumentarfilm "True Warriors" produziert, der bisher in über 150 Kinos gezeigt worden ist. Auch an Schulen wird die Doku gezeigt. Weitere Infos unter www.truewarriors.de.

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