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Europa-Wahlkampf

AfD-Chef Meuthen in Gießen: "Wir brauchen die Festung Europa"

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Draußen wurde unter Regenschirmen geredet, drinnen über feste Außengrenzen. Wieder einmal standen sich vor einem Bürgerhaus in Gießen Anhänger und Gegner der AfD gegenüber.

Aus dem Pulk der Regenschirme ragen die Plakate der "Omas gegen Rechts" heraus. Keinen Hund jagt man bei so einem Wetter vor die Tür, und trotzdem stehen am frühen Samstagabend an die 150 Menschen auf der abgesperrten Straße vor dem Wiesecker Bürgerhaus, um dem Dauerregen und der AfD zu trotzen. Matthias Körner, Geschäftsführer des DGB, der zu der Gegenkundgebung aufgerufen hat, verteidigt den Protest als notwendig: "Ich kenne kein Beispiel aus der Geschichte, bei dem eine gefährliche Bewegung durch Ignorieren verschwunden wäre."

Drinnen feiert sich derweil die AfD mit einem Film, dass sie im Moment das Gegenteil von unsichtbar ist. Eine Deutschlandkarte leuchtet auf, in allen Landtagen ist die Partei mittlerweile vertreten; Hessen war das letzte Bundesland, in dessen Parlament eine AfD-Fraktion einzog. Ihr Vorsitzender ist Robert Lambrou, der als Gast in der ersten Reihe sitzt - neben einem bekannten Gesicht aus der Fußballszene. Willi Wagner, früher unter anderem Profi bei Darmstadt 98, ist Vorsitzender der AfD im Lahn-Dill-Kreis und - gemeinsam mit Gießener Kreisverband - Co-Gastgeber der vom Landesverband organisierten Veranstaltung.

Stargast und Hauptredner des Abends ist Bundessprecher Jörg Meuthen, der die AfD als Spitzenkandidat in die Europawahl am 26. Mai führt. Nach dem Grußwort von Landessprecher Klaus Herrmann redet Meuthen fast eine Stunde lang und beginnt mit einem Gruß an die, die vor der Tür im Regen stehen. "Ich grüße die Omas gegen Rechts - als Opa gegen Links", sagt Meuthen und sorgt für Gelächter im Saal.

Grüne sind der Hauptgegner

Dann kommt der frühere Hochschulprofessor zur Sache oder vielmehr den Personen, die für den politischen Gegner stehen. Vor allem auf Manfred Weber, den Spitzenkandidaten der Europäischen Volkspartei (EVP). der Jean Claude Juncker als Kommissionspräsident beerben will, hat es Meuthen abgesehen. Der CSU-Mann sei ein "Karrierist" und "Apparatschik", der die "Negativauslese" der Christdemokraten beim Personal für Europa geradezu verkörpere. Mit der Ablehnung der Untersee-Gaspipeline "Northstream II" agitiere Weber gegen ein "hochvernünftiges Projekt", nur weil er um die Stimmen der Osteuropäer buhle, um Junckers Nachfolger werden zu können. Mit seinem sozialdemokratischen Pendant Timmermans, mit Juncker, Merkel und Macron stehe Weber für eine "Elite, die uns unbemerkt auf einen Weg führt, den wir nicht wollen", sagt Meuthen. Diese Elite übe "Verrat am kulturuellen Erbe Europas".

Es folgen die bekannten Parolen der AfD wie die vom "Europa der Vaterländer", dessen nationale Eigenheiten und Vielfalt von Christdemokraten, Linken, Liberalen und Grünen zugunsten einer "globalen Multikulturalität" eingeebnet würden. Als künftigen Hauptgegner sieht Meuthen die Grünen, denn die hätten - wie die AfD - ein klare Vorstellung von der Gesellschaft der Zukunft: Die Alternative zu den erodierenden christ- und sozialdemokratischen Parteiformationen werde "blau oder grün" sein.

Die Grünen wittert er offenbar auch hinter dem Kampagne der jugendlichen Klimaaktivistin Greta Thunberg, die Meuthen nur "heilige Greta" nennt. Die 16-jährige Schwedin werde vorgeschickt, denn die Verbreitung von Angst und Panik sei doch schon immer das "Geschäftsmodell der Grünen" gewesen, erklärt der Parteichef und spricht von "politischem Kindesmissbrauch".

Wie Landessprecher Herrmann betont Meuthen ("Wir sind keine Antieuropäer"), dass die AfD keinen "Dexit" wolle, aber die EU müsse reformiert werden und sich wieder auf das Wesentliche besinnen. Das sind für Meuthen vor allem der freie Handel, die Sicherung des Wohlstands und der Außengrenzen gegen eine unkontrollierte Zuwanderung. Meuthen: "Wir brauchen eine Festung Europa, es geht nicht anders".

Zweiter Weltkrieg mahnt

Ob Meuthen weiß, dass der Begriff von der "Festung Europa" historisch kontaminiert ist? Unter anderem die Nationalsozialisten haben ihn zeitweise für die von ihnen auf dem Kontinent besetzten Gebiete verwendet. Die SPD-Stadtverordnete Inge Bietz, die draußen für die "Omas gegen Rechts" eine kurze Rede hält, war bereits auf der Welt, als es diese "Festung Europa" noch gab. Neun Monate war sie alt, als ihr Vater beim Vormarsch der Wehrmacht nach Russland hinein 1941 fiel. Daran erinnert sie und sagt: "Europa soll so bleiben, wie es ist."

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