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Los geht’s mit einer Prise Theorie: Auf dem Kirchenplatz zeigt der Architekt Paul-Martin Lied (l.) den Teilnehmern erst einmal historische Stadtpläne. FOTO: CSK

Ästhetik auf dem Prüfstand

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Die Bürgerinitiative "Historische Mitte" sucht bei einem Stadtrundgang Beispiele für Architektur der 1950er Jahre auf. Dabei stoßen die Teilnehmer auf manches Juwel, aber auch einige Geschmacksverirrungen.

Die Buswartehäuschen am Marktplatz sind so etwas wie die Schlaghosen der Gießener Architekturgeschichte. Welche geschmacklichen Verirrungen Paul-Martin Lied in seinen wilden Zeiten schick fand, erfahren die 20 Teilnehmer eines Stadtrundgangs der Bürgerinitiative "Historische Mitte" am Samstagnachmittag nur nebenbei.

Die eine oder andere bauliche Stilblüte erleben sie, geführt von dem Architekten, dagegen hautnah. Auf der Suche nach der Architektur der Nachkriegszeit spazieren sie gut zwei Stunden lang durch die Innenstadt. Unterwegs fällt immer wieder dieser eine Satz: "Das könnte ja theoretisch ganz schön sein…"

Erstmal Theorie am Kirchenplatz

Los geht’s auf dem Kirchenplatz. Hier wird erst einmal Theorie gebüffelt. Mit Plänen und Skizzen bringt Lied der Gruppe allerlei Visionen für Gießens Morphologie nach 1945 nahe. Heute wirkt eine Idee so skurril wie die nächste. "Ein bisschen war auch an Natur gedacht", sagt der Experte einmal. Ein bisschen mehr jedoch an Autos. Vielleicht auch an Busse. Und an Parkplätze. Wie Lied erklärt, habe man die historischen Straßen wegen der Kanäle und Leitungen meist nicht verlegt. "Aber man konnte die Breiten variieren."

Unter Stadtbaudirektor Wilhelm Gravert begann der Wiederaufbau. Ein typisches 50er-Jahre-Haus steht am Lindenplatz. Unterteilt in drei Segmente - Erdgeschoss, Mittelbau, Dachvorsprung - finde man ähnliche Gebäude relativ häufig, erklärt Lied. Unten trenne der Arkadengang die Passanten von potenziellen Kunden der ansässigen Geschäfte. Oben deuteten die "liegenden" Fenster bereits die bald viel gefragten "Fensterbänder" an. Alles in allem: "Ein gut gelungener Vertreter des Nachkriegsbauens", meint Lied. Ganz anders steht es um ein Haus gegenüber. Die geflieste Fassade zeuge zwar von dem Traum des Bauherrn ("Einmal bauen, nie mehr Arbeit"). Bloß ästhetisch sei sie nicht.

In der Folge führt die Route durch den Seltersweg und die Plockstraße bis zum Berliner Platz. Unterwegs ist von durchlaufenden Dachkanten und unruhigen Ensembles die Rede, von Schaufensterfronten und Schaufensterinseln, einem "Sternenhimmel" und zwei "Türmchen". "Architektur lebt von Details", betont der Experte an einer Stelle.

Es gibt noch "Luft nach oben"

Klar ist aber auch: Fehlt es an Masse, helfen die Details in der Regel nur bedingt. Typisch Fünfziger sei, dass Bauherren ein oder zwei Geschosse errichtet und dann eine Aufstockung geplant hätten, sagt der Architekt. Zwischen Marktplatz und Kugelbrunnen wirkt ein zweistöckiges Haus inmitten fünfgeschossiger verloren. Ob genau so geplant oder eher nicht, Luft nach oben ist hier auf jeden Fall.

Apropos Luft nach oben: Um das ein oder andere Juwel aufzupolieren, brauche es vor allem mehr Mut bei den Behörden und der Politik, befinden die Teilnehmer. Ein Beispiel sehen sie in der Alten Universitätsbibliothek. "Es ist eine Schande, dass man das so verkommen lässt", echauffiert sich ein Zuhörer. "Dabei gehört das Gebäude zu den architektonisch auffälligsten in der Stadt", sagt ein anderer. Nach kurzer Debatte über Asbest und andere unschöne Begleiterscheinungen liefert Lied die Synthese: "Wer etwas verhindern will, findet Gründe. Wer etwas erreichen will, findet Wege."

Brasilianische Kiefer im Theaterpark

Die Gruppe findet den Weg durch die Plockstraße mit ihrer wilden Mischung aus Fünfziger-Fassaden, modernen und historischen Abschnitten sowie jeder Menge Glas. Das Blumen-Corso erhält noch den Titel "50er-Jahre-Highlight": Mitten in die Achse der Straße gebaut, sei es asymmetrisch sowie voller feingliedriger Elemente und bestehe aus einem "extremen Materialmix", erläutert Lied.

Zur Straße hin grüßt brasilianische Kiefer, zum Theaterpark hin nur eine beschmierte Wand. "Auch irgendwie seltsam", murmelt ein junger Mann.

Zum Finale spricht Lied über die Kongresshalle, das Dachcafé und den Ludwigsplatz. Das abgerundete Gebäude an letzterem verbinde optisch Innenstadt und ehemalige Kaiserallee. Und es ist halt rundlich. Vielleicht ja, damit die Autos schneller daran vorbeisausen können.

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