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Elisa Wächtershäuser (links) liest aus ihren "Gesammelten Werken".

Ärztin mit erzählerischer Kraft

Gießen (lwg). Während der Regen auf die Oberlichter des Kultur im Zentrum (KiZ) prasselte, entführte Elisa Wächtershäuser die Zuhörer in medizinische Institute, unheimliche Wälder und außergewöhnliche Familienverhältnisse. Die Veranstaltung läutete gleichzeitig das Jubelquartal des Literarischen Zentrums Gießen (LZG) ein, welches in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen feiert. Moderatorin des Abends war die ehemalige Programmleiterin des LZG, Madelyn Rittner, die mittlerweile beim Hessischen Literaturrat in Wiesbaden tätig ist.

Am Anfang der Erzählung stehe meist eine spannende Figur, über die sie sich der Geschichte nähere. Diese Vorgehensweise helfe Wächtershäuser auch in ihrem Beruf als Ärztin, insbesondere im Patientengespräch. Ihr medizinischer Hintergrund war in "Gespenster" nicht zu übersehen. Rastlos ist hier ein Arzt auf der Suche nach seinen Zwillingskindern, die sich später als Präparate herausstellen und den Übergang zwischen Leben und Tod verwischen. Ebenso traumwandlerisch geht es in "Draußen schießen sie wieder" vor, wenn sich der Protagonist allmählich in ein Tier zu verwandeln scheint. Unterdessen entsteht in "Vor dem Herbst" eine spannende Dynamik, die die Machtverhältnisse und Abhängigkeiten innerhalb einer Familie darstellt.

Elisa Wächtershäuser kann mit ihren 27 Jahren bereits auf einige Erfolge zurückblicken: Sie wurde in zehn aufeinanderfolgenden Jahren Preisträgerin des Jugendliteraturpreises der OVAG, bis sie die Altersgrenze des Wettbewerbs ausgeschöpft hatte. Fünfmal wurde sie mit dem ersten Platz belohnt. Neben ihrer Teilnahme am OVAG-Jugendliteraturpreis konnte sie auch den Preis des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen sowie Stipendien des Literaturlabors Wolfenbüttel und des Klagenfurter Literaturkurses 2013 für sich behaupten. Im Jahr 2015 schloss sie ein Medizinstudium in Marburg ab.

Zwischen den Kurzgeschichten wurde Zeit für Fragen geschaffen. Dabei beantwortete Wächtershäuser auch, wie sie an ihrem melodischen und durch klare Sprache gezeichneten Schreibstil arbeite. Ihr helfe es, sich das Geschriebene laut vorzulesen. Dadurch könne sie auch ablenkende Füllwörter reduzieren.

Zwei der vorgelesenen Kurzgeschichten sind auch in dem 2016 erschienenen Sammelband wiederzufinden. Dank der großzügigen Spende der OVAG konnten Wächtershäusers "Gesammelte Werke" an diesem Abend kostenlos herausgegeben werden und waren am Ende restlos vergriffen. Die Schlange derjenigen, die sich nach der Lesung für eine Signatur anstellten, reichte von der Bühne bis zur Eingangstür des KiZ. Trotz einiger Auszeichnungen, sehe sie noch viel Potenzial in ihrer Erzählweise. Auch wenn Kurzgeschichten ihr liebstes Format seien, stehe ein eigener Roman ganz oben auf ihrer Wunschliste. Doch bis dahin könne es noch eine Weile dauern. "Vielleicht dann zum 20-jährigen Jubiläum des LZG", sagte sie witzelnd.

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