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Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz (2. v. l.) und Stadtradeln-Koordinatorin Katja Bürckstümmer (l.) ehren fleißige Teilnehmer, darunter Gießens neuen "Radel-König" Hans-Heinrich Pardey (4. v. l.).

Achtmal um den Äquator

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Gießen-Wieseck (csk). Gießens neuer "Radel-König" denkt meist nicht lange nach. Er schwingt sich einfach auf den Sattel. "Autofahrer überlegen auch nicht vor jeder Fahrt, wie viele Kilometer sie zurücklegen", erklärte Hans-Heinrich Pardey am Mittwochabend im Bürgerhaus Wieseck. Kurz zuvor war der Hüttenberger bei der Feier zum Abschluss des diesjährigen Gießener Stadtradelns als fleißigster Teilnehmer geadelt worden. Sage und schreibe 2241 Kilometer hat er zwischen dem 18. Mai und dem 7. Juni auf zwei Rädern gesammelt. Wie man sich so eine Zahl erstrampelt? Offenbar vor allem mit einer gewissen Selbstverständlichkeit.

Dass Pardey sogar zu seiner Arbeitsstelle in Frankfurt radelt, ist sicher ein zusätzliches Faustpfand. Wichtiger als der Wettbewerb sei beim Stadtradeln aber, möglichst viele Leute für das Radfahren zu gewinnen, betonte Koordinatorin Katja Bürckstümmer, die die Ergebnisse präsentierte. 2019 verzeichnet die Statistik einen moderaten Rückgang der Teilnehmerzahlen: 1930 Aktive sind 162 weniger als im Vorjahr. Mit 307 336 Kilometern - also knapp achtmal um den Äquator) liegen sie rund 32 000 Kilometer hinter den 2018er-Radlern. Achtmal um den Äquator hätten sie es dennoch geschafft. Dieselbe Strecke im Auto zu fahren, hätte 44 Tonnen CO 2 in die Luft geblasen.

Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz outete sich einmal mehr als Stadtradeln-Fan. "Die Verkehrswende beginnt im Kopf", sagte sie. Selbst mit dem Rad nach Wieseck gekommen, hatte die Schirmherrin der Aktion eine Art Versprechen mitgebracht. Damit "Sonntagsradler zu Alltagsradlern werden", seien Verbesserungen der städtischen Rad-Infrastruktur unabdingbar, räumte sie ein. Indes sei man auch nicht untätig gewesen, meinte die Rathauschefin und nannte etwa den Dammdurchstich als "deutlichen Fortschritt". Außerdem bezog sie sich auf die Nachricht, Gießen sei die "autoärmste" Stadt Hessens. Bundesweit existierten ohnehin deutlich mehr Zweiräder als Autos: "Die Fahrräder sind da. Man muss sie nur benutzen."

Neben "Radel-König" Pardey haben Wolfgang Volk (1603 Kilometer) und Stephan Henrich (1575) ihre Drahtesel im dreiwöchigen Aktionszeitraum am intensivsten benutzt. Das "Team mit den meisten Kilometern" ist unangefochten die Justus-Liebig-Universität (52 145 Kilometer). Dahinter lieferten sich die Gesamtschule Gießen-Ost (19 550) und der "ADFC Gießen und Freunde" (19 273) ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Die Mannschaften mit den längsten Strecken pro Mitglied sind die "Gemenosradler" (1589 Kilometer), die "SWG-Planer-Box1" (861) und "Die glühenden Pedalen reloaded" (666). Besonders zahlreich waren die JLU (352 Aktive), die GGO (252) sowie das Polizeipräsidium Gießen (206).

Vier Meter breite Radstreifen

Landes- und bundesweite Ergebnisse gibt es erst nach Abschluss des Stadtradeln-Jahres im Oktober. Momentan rangiert Gießen bei den "Fahrradaktivsten Kommunen mit den meisten Kilometern" in Deutschland auf dem 39. und in Hessen auf dem vierten Platz. Die beiden scheidenden Stadtradeln-Stars, Jürgen Quurck und Matthias Matzen, nutzten ihren Auftritt am Mittwoch jeweils für einen Appell an die Politik. So empfahl Quurck allen Zuhörern einen Radurlaub in Norwegen, wo schon heute kaum ein Fahrradweg schmaler als vier Meter sei. Und Matzen spielte den Ball, den Grabe-Bolz ins Feld bugsiert hatte, so elegant wie bestimmt zurück: Im Kopf habe sich bei vielen Menschen schon etwas geändert, betonte er an die Oberbürgermeisterin gerichtet. "Jetzt sind Sie dran!"

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