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Die Szenerie in der Neuen Bäue erschien durchaus kurios.

Kristina Hänel

Abtreibungsgegner: Beten und singen vor Kristina Hänels Praxis in Gießen

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Abtreibungsgegner treten derzeit offenbar fast täglich in Gießen auf. Nun standen vor Kristina Hänels Praxis acht Betende.

"Aktion? Es gibt keine Aktion", sagt Heike Spohr mit unschuldigem Augenaufschlag. Formal haben die Unterstützerinnen und Unterstützer der Ärztin Kristina Hänel keine Demonstration angemeldet. Als Privatleute seien sie zur Neuen Bäue gekommen, um die "Mahnwache" von Abtreibungsgegnern in Augenschein zu nehmen: Das ist die offizielle Lesart an diesem Mittwochvormittag. Gut 30 Menschen stehen acht betenden und singenden Christen gegenüber. Die Stimmung ist friedlich. Später wird das Grüppchen fast unbemerkt Station vor der Pro-Familia-Beratungsstelle machen.

Hänel wollte keinen Aufruhr vor ihrer Praxis, vor allen Dingen um ihre Patientinnen (Lesen Sie auch: Nach Demo: "Schutzzone" für Gießener Ärztin Hänel und Pro Familia?) zu schützen. Bei der Mahnwache am Donnerstag ist eine von ihnen vor Aufregung kollabiert. Die Furcht, Frauen würden bedrängt, erweist sich indes als unbegründet. Eine gute Stunde halten sich die Gruppen gegenüber vom Haupteingang des Gebäudes auf. Die einen murmeln den Rosenkranz und stimmen Kirchenlieder an, die anderen singen gelegentlich "Die Gedanken sind frei". Zunächst stellen sich die "zufällig" erschienenen Bürgerinnen und Bürger direkt vor die angemeldete Gruppe. Dann teilt ein Polizist eine Verfügung der Stadt mit: Die inoffizielle Versammlung wechselt auf die andere Seite der Diezstraße.

"Danke, Mama, dass ich leben darf", steht auf dem Foto eines Babys, das einer der Betenden hält. Eine Frau reckt ein Kreuz in die Höhe, eine trägt ein Marienbild. Fragen nach ihrer Botschaft ignorieren die sechs Frauen und zwei Männer. Die meisten blicken starr geradeaus oder schließen die Augen. Man kann vermuten, dass Hänel wegen ihrer Kampagne gegen den Paragrafen 219a in ihr Visier geraten ist. Auch ein Arzt in Passau, über den am Sonntagabend in der Sendung "Anne Will" ein Film gezeigt wurde, hat nun derartigen "Besuch" bekommen.

Wer Initiator ist, bleibt unklar; die Demonstration war nicht öffentlich angekündigt.

Mit ihren Schildern ziehen die Christen durch den Seltersweg und später zu Pro Familia in der Liebigstraße. "Sie waren auch am Freitag und am Montag da", berichtet Mitarbeiter Wolfgang Schreiner-Weiß. "Im Vergleich zu dem, was unsere Kollegen in Frankfurt erdulden mussten, ist es überschaubar." Viele Klientinnen, die zur Schwangerschaftskonfliktberatung – oder wegen anderer Themen – kommen, bemerkten die Gruppe auf der anderen Straßenseite gar nicht. "Aber natürlich stört es uns. Frauen in dieser Situation sollten keine Indoktrination erleben, sondern Unterstützung."

"Ich will niemanden einschüchtern"

Schreiner-Weiß war schon bei Pro Familia, als dort noch Abtreibungen vorgenommen wurden. "Da haben wir häufig Mahnwachen erlebt, aber seit Jahren nicht mehr."

In der Liebigstraße trennt sich das Häuflein. Sechs Teilnehmer gehen zum Bahnhof. Nun ist einer bereit zu sprechen. Sie kämen aus Frankfurt, um Frauen zu "informieren", sagt er mit osteuropäischem Akzent. Seine überraschende Erklärung: "Man sollte über Abtreibung offener sprechen. Ich bin dafür, dass Frauen frei entscheiden können, und will niemanden einschüchtern. Ich will nur meine Meinung sagen." Und die ist? "Leben geht vor Recht." Was das heißt und ob die anderen ähnlich denken, bleibt offen, Gesinnungsgenossinnen ziehen ihn weiter. Hinter den Aktionen in Frankfurt stehen die fundamentalistische Initiative "40 Tage für das Leben" sowie – so die "FR" – Mitglieder der kroatisch-katholischen Gemeinden.

Für den heutigen Donnerstag war ab 7.45 Uhr erneut eine Mahnwache angemeldet. Dorothea von Ritter-Röhr, als "Oma gegen rechts" erschienen, wirft einen eher mitleidigen Blick auf die Betenden. "Ich bin ja Psychoanalytikerin. Mir kommt das ein bisschen verrückt vor."

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