Noch sind Corona-Tests in Unternehmen nicht die Regel.
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Noch sind Corona-Tests in Unternehmen nicht die Regel.

Covid-19

Corona-Tests bei Gießener Arbeitgebern: Kommt bald die Test-Pflicht für Unternehmen?

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Angela Merkel fordert, dass Arbeitgeber den Angestellten regelmäßig Corona-Tests anbieten sollen. In den Gießener Unternehmen wird das bisher unterschiedlich umgesetzt – unter anderem wegen Lieferschwierigkeiten.

Corona hat vieles ausgebremst, den Bauboom jedoch nicht. Die Branche hat vergangenes Jahr sogar einen Rekordumsatz erzielt. Kein Wunder, dass die Mitarbeiter des Gießener Bauunternehmens Faber&Schnepp derzeit alle Hände voll zu tun haben und oft auf Baustellen unterwegs sind. Damit sie dort nicht sich oder andere mit dem Coronavirus anstecken, gibt es Vorkehrungen, sagt Andreas List, Fachkraft für Arbeitssicherheit. »Auf einigen unserer Baustellen besteht eine wöchentliche Testpflicht.« Dies führe dazu, dass jeder Mitarbeiter zwei- bis dreimal im Monat auf Covid-19 getestet werde. Obendrein könnten sich die 270 Mitglieder auf freiwilliger Basis im Betrieb testen lassen, was durch die Zusammenarbeit mit einer Gießener Arztpraxis angeboten werde. Eine vom Betrieb zu organisierende verbindliche Testpflicht lehnt List aber ab, weil sie »schwer bis gar nicht« umsetzbar wäre.

Corona-Tests auf der Arbeit: IHK lehnt Verpflichtung ab

Genau solch eine Pflicht hat jetzt Angela Merkel ins Spiel gebracht. Die Selbstverpflichtung, wonach Arbeitgeber ihren Mitarbeitern möglichst zweimal die Woche Corona-Tests ermöglichen sollen, sei nicht ausreichend gut umgesetzt. Man müsse über eine Verpflichtung nachdenken.

Die IHK Gießen-Friedberg hält davon nichts. Bei einer aktuellen Umfrage unter 129 heimischen Betrieben bemängelten 40 Prozent, dass Informationen zum Testen in den Betrieben fehlen. Jedes dritte Unternehmen vermisst Schulungsangebote für betriebsinterne Schnelltests. Lieferschwierigkeiten sind ebenfalls ein Problem. Rund 21 Prozent kritisieren, dass Anbieter nicht liefern würden. »Diese Auswertung zeigt, dass eine Test-Verordnung für Betriebe an der Realität vorbeigeht. Wichtiger sind Unterstützungsmaßnahmen und Informationen«, sagt Matthias Leder, Hauptgeschäftsführer der IHK Gießen-Friedberg. Gleichzeitig betont Leder, dass derzeit 22 Prozent der Betriebe ihren Beschäftigten regelmäßig Corona-Tests anbieten. Rund 20 Prozent wollen in Kürze mit den Tests starten. Viele Firmen, die nicht testen lassen (wollen), haben ihre Belegschaft laut IHK ins Homeoffice geschickt. Andere seien schlichtweg geschlossen.

Corona-Tests in Gießener Unternehmen: Bisher gibt es keine Pflicht

Auch bei der Gießener Allgemeinen Zeitung wird bereits getestet. Während ein Großteil der Beschäftigten im Homeoffice arbeitet, sind manche Tätigkeiten, zum Beispiel die Drucktechnik, nur vor Ort in der Marburger Straße umsetzbar. »Unseren Mitarbeitern aus der Produktion wird mindestens einmal pro Woche ein Selbsttest zur Verfügung gestellt«, sagt Betriebsleiterin Jennifer Ellinger. Dies sei die praktikabelste Art, da die betroffenen Mitarbeiter zu unterschiedlichen Zeiten und auch nachts im Einsatz seien.

Das Gießener Rathaus setzt auch auf Selbsttests. »Die erste Lieferung der Laien-Selbsttests ist da und in der Woche vor Ostern an die Ämter verteilt worden«, sagt Sprecherin Claudia Boje. Jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin in Präsenz habe das Angebot, jede Woche einen Test zu machen. »Dafür haben wir auch geworben«, betont Boje. Zuvor hatte auch sie von Lieferengpässe gesprochen: Die entsprechende Bestellung sei lange auf dem Weg gewesen. Beim Regierungspräsidium Gießen arbeiten 1350 Beschäftigte. Laut Pressesprecher Thorsten Haas wird jedem Mitarbeiter, soweit es mit den dienstlichen Aufgaben vereinbar ist, mobiles Arbeiten ermöglicht. Schnelltests werden aber noch nicht angeboten. »Hierzu wird an einer zentralen Lösung seitens des Hessischen Innenministeriums gearbeitet«, sagt Haas und fügt an: »In Kürze sollen Schnelltests in ausreichender Anzahl für sämtliche Beschäftigten vorliegen.«

Bei Gießens größtem industriellen Arbeitgeber, der Tucker GmbH, wird derzeit nur in Verdachtsfällen getestet, sagt Sprecherin Barbara Roos. Ein Gesamtkonzept sei zwar in Arbeit, mit der Umsetzung wolle man aber warten, bis weitere gesetzliche Vorgaben bekannt seien.

Arbeitgeber in Gießen: Von Selbsttest bis Zeitgutschrift

Bei der Sparkasse Gießen wird laut Pressesprecherin Marina Walter derzeit geprüft, »ob und in welcher Weise« Mitarbeitern Testmöglichkeiten angeboten werden können. Bis dahin erhalten die Beschäftigten einmal pro Woche eine Zeitgutschrift, wenn sie sich an einem Testzentrum einem Schnelltest unterziehen.

»Wir bieten täglich den Mitarbeitern im gesamten Präsidium Schnelltests an«, sagt Jörg Reinemer, Sprecher des Polizeipräsidiums Mittelhessen. Darüber hinaus könnten dann weiter PCR-Tests in den Testzentren gemacht werden.

Die Arbeitgeber testen ihre Mitarbeiter also mal mehr, mal weniger. Nicht auszuschließen, dass sich das bald ändert - und aus der Selbstverpflichtung eine Pflicht wird.

Betriebe als Sündenböcke – Ein Kommentar von Dr. Max Rempel

Die Nerven liegen nach mehr als einem Jahr Corona-Pandemie blank. Das ist verständlich. Gleichwohl macht es sich die Politik zu leicht, den schwarzen Peter den Unternehmen zuschieben zu wollen. Immerhin sind die öffentlichen Verwaltungen wohl großteils selbst nicht in der Lage, die Maßgabe der Bundeskanzlerin umzusetzen und wöchentlich alle Mitarbeiter zu testen, die nicht von zu Hause aus arbeiten. Die Unternehmen wünschen sich mehr Verlässlichkeit. Gegenwärtig macht es aber den Eindruck, als ob die Politik nur kurzfristig reagiert und verlässliche Rahmenbedingungen schlicht nicht existieren. Das ist nach einer so langen Zeit beschämend und wirft viele Fragen über die Leistungsfähigkeit unserer Bürokratie auf. Eine ernsthafte Debatte darüber, warum wir bereit sind, Unternehmen und Schulen zu schließen, aber unsere Behörden nach einem Jahr immer noch viele Daten untereinander nicht austauschen können, findet bisher nicht statt. Liegt es wirklich am Datenschutz oder eher am auf Sicherheit geeichten Beamtenapparat? Die größten Probleme in der Krise liegen nicht bei den Unternehmen, sondern in unseren verkrusteten staatlichen Strukturen.

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