Auch die windschiefe Schraubenfläche gehört zur Sammlung.
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Auch die windschiefe Schraubenfläche gehört zur Sammlung.

Abstraktes in Form gebracht

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Gießen(chh). Mathe ist das unbeliebteste aller Unterrichtsfächer. Zu kompliziert, zu viele Zahlen und Formeln, vor allem aber: zu abstrakt. Es gibt jedoch Möglichkeiten, diese für viele Menschen undurchsichtige Materie zu veranschaulichen. Und zwar mit Holz, Gips, Pappe oder Draht.

Am Mathematischen Institut der Justus-Liebig-Universität gibt es insgesamt 70 mathematische Modelle. Sie stellen zum Beispiel geometrische Körper dar. Mit dem Anlegen der Modellsammlung wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts begonnen. "Mit den Fortschritten auf dem Gebiet der Technik wuchs der Bedarf an Demonstrationsmaterial für den mathematischen Unterricht", erklärt Alissa Theiß, die Sammlungskoordinatorin der Gießener Uni. Zu jener Zeit wurden neue Lehrmethoden an den Universitäten eingeführt und man begann, mathematische Erkenntnisse aus Analysis, Funktionentheorie, Geometrie, Topologie und Mechanik als physische Objekte darzustellen.

Bei der Herstellung dieser Objekte traf die theoretische Mathematik auf ganz praktische Arbeit. An vielen deutschen Universitäten wurden zu dieser Zeit sogenannte Modellierkabinette eingerichtet, in denen die Modelle in Eigenarbeit hergestellt wurden. Dazu war neben mathematischen Kenntnissen auch erhebliches handwerkliches Geschick erforderlich. Mit steigenden Ansprüchen an Ausführung und Anzahl der Modelle, begann ab den 1870er Jahren die gewerbliche Herstellung dieser mathematischen Objekte. Besonders die Verlagshandlungen L. Brill in Darmstadt und Martin Schilling in Halle und Leipzig stellten diese Objekte gezielt für die Nutzung an Universitäten her.

Heute stellen die mathematischen Modelle der JLU hauptsächlich eine historische Sammlung dar, wie Theiß betont. "Sie werden aber auch noch hin und wieder in der Lehre eingesetzt. Die jüngsten Modelle wurden erst vor wenigen Jahren von Dozenten selbst gebaut."

Durch die Möglichkeit von Computersimulationen sind die Gipsmodelle in den zurückliegenden Jahrzehnten etwas aus dem Blickfeld geraten, erzählt Theiß. "Da sie für den Unterricht immer uninteressanter wurden, entsorgten viele Universitäten ihre Modellsammlungen. Vieles ist verloren gegangen."

Heute würden sich die Objekte aber wieder einer größeren Aufmerksamkeit erfreuen, betont Theiß. Auch weil mit ihrer Hilfe digitale 3-D-Kopien, sogenannte Digitalisate, angefertigt werden können. Nicht nur deswegen ist Theiß von der Sammlung angetan. "Es ist faszinierend zu sehen, auf welchem hohen Niveau die Handwerkskunst des 19. Jahrhunderts war." FOTO: PM

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