Der rotfigurige Krater. Zu sehen ist die Seite mit den musizierenden Frauen. FOTO: DKL
+
Der rotfigurige Krater. Zu sehen ist die Seite mit den musizierenden Frauen. FOTO: DKL

Abstand und Antike

  • vonDagmar Klein
    schließen

Die neue Sonderausstellung in der Antikensammlung erzählt von der Kunst des Gemeinsam-Seins. Gerade in diesen Zeiten ein hochaktuelles Thema. Und auch das Konzept der Schau ist mit digitaler Erweiterung an heutige Erfordernisse angepasst.

Die Antikensammlung im Wallenfels’schen Haus lädt zu einer neuen Sonderausstellung ein. Das Thema Gruppenbilder war schon lange geplant, erzählen Prof. Katharina Lorenz und Dr. Michaela Stark, doch hat die Corona-Pandemie eine Schärfung des Blicks ergeben. Die Real-Erfahrung inspirierte die Macherinnen, Bezüge zwischen der historischen Darstellung und dem Jetzt herauszuarbeiten. Dazu kommt die Organisation als Hybridveranstaltung, also die Ausstellung mit Objekten im Museum und deren Erweiterung im Internet über Kurzfilme.

"Die Kunst des Gemeinsam-Seins in Zeiten einer Pandemie besteht darin, dass wir uns als Individuen voneinander distanzieren müssen, um als Gemeinschaft bestehen zu können", erklärt die für Klassische Archäologie zuständige Professorin. Bereits im April machten sie und die Sammlungskustodin auf der Institutswebseite mit einem Video aufmerksam auf das zentrale Thema der Schau: das Abstandhalten.

Im Zentrum der Betrachtung stehen ein Krater (Betonung auf der zweiten Silbe) und eine Lekythos aus der Dauerausstellung. Das große, schüsselartige Gefäß, der rotfigurige Krater aus attischer Zeit, zeigt auf einer Seite drei Frauen, auf der anderen Seite drei Männer in ihrem jeweiligen Umfeld. Dargestellt ist also die Gemeinsamkeit von gesellschaftlichen Gruppen, hier nach Geschlechtern getrennt. Dieses Gefäß entstand vor der großen Pest in Athen (430 vor Chr.).

Auffällig ist, dass in der Folgezeit Gefäße, etwa eine rotfigurige Lekythos (Vase), anders bemalt wurden: eine sitzende Frau im Gespräch mit dem fliegenden Gott Eros. Auf diese Weise konnte das Abstandwahren dargestellt werden.

Das Thema Gruppenbilder ist untrennbar mit den repräsentativen Gruppenbildnissen des niederländischen Bürgertums im 17. Jahrhundert verknüpft. Die kulturhistorische Bedeutung der Korporationsbildnisse hat Alois Riegl erstmals erkannt und beschrieben (1902). Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe wird vor allem über uniformierte Kleidung deutlich, bei Wahrung der Individualität im Ausdruck.

Die Malerei hatte bereits in der Antike verschiedene Stilmittel gefunden, mit denen Zusammengehörigkeit deutlich gemacht wurde: die Parallelität der Bewegung oder die Isokephalie, also dieselbe Kopfhöhe. Dafür stehen in der Ausstellung zwei Reliefabdrücke. Die Forschung hat später vergleichbare Formen zu Gruppen zusammengestellt, auch wenn sie ursprünglich so nicht gedacht waren. Das gilt für den Ankauf und die Präsentation von Porträtköpfen.

Köpfe aus Gips sind in der Ausstellung auch zu sehen: etwa die römischen Doppelköpfe mit den griechischen Dichtern Menander und Aristophanes sowie Sophokles und Euripides, die in römischen Privathäusern aufgestellt wurden. Die Doppelhermen gehören zur Sektion Gruppen-Denken, sie sind Leihgaben aus der Abguss-Sammlung der Marburger Universität. Lorenz und Stark haben für ihre Ausstellung drei weitere, sehr moderne Kategorien benannt: Randgruppen, Risikogruppen und Produktgruppen.

Bei den Randgruppen werden Grenzen zwischen Sphären überwunden, zumeist im gemeinsamen Handeln von Menschen, Göttern und mythischen Figuren, häufig auch zwischen Toten und Hinterbliebenen. Risikogruppen benennen das Scheitern einer Gruppenkonfiguration, was oft mit Kampf einhergeht. Und für Produktgruppen wird nach Materialien und/oder Formen unterschieden.

Digitale Angebote

Während der Ausstellungszeit (bis 31. März 2021) wird es digitale Angebote und Videos geben, die über die Homepage der Klassischen Archäologie und deren Social-Media-Kanäle angeschaut werden können. Die Videos werden im Laufe des Wintersemesters von und mit Studierenden erstellt. Neben Objektbeschreibungen wird es auch Gänge in die Stadt geben, wo so manche Gruppendarstellung einer neuen Betrachtung unterzogen wird. Der Blick in die Ausstellung und auf die Homepage lohnt sich. Der Begleitkatalog vertieft die verschiedenen Aspekte (10/12 Euro, erhältlich im Wallenfel’schen Haus und bestellbar über sekretariat@ archaeologie.uni-giessen.de.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare