Trotz des Abstands können die Abiturienten zusammen mit Mitschülern, Lehrern und Eltern in der Osthalle zusammen feiern. FOTO: SCHEPP
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Trotz des Abstands können die Abiturienten zusammen mit Mitschülern, Lehrern und Eltern in der Osthalle zusammen feiern. FOTO: SCHEPP

Abschluss mit Abstand

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Abschluss mal anders: An der Gesamtschule Gießen-Ost haben die Absolventen jetzt ihre Abiturzeugnisse erhalten. Über eine besondere Feier für einen besonderen Jahrgang.

Dieses selige Lächeln der Eltern auf der Tribüne ist das gleiche wie in all den Jahren zuvor bei solchen Anlässen. Und auch die Erkenntnis, das "ihr" Junge oder Mädchen erwachsen geworden ist, stellt sich jedes Jahr aufs Neue ein - wenn man sieht, wie viele von ihnen in der Osthalle auf dem roten Teppich stehen in ihren Kleidern und Anzügen. Aber doch ist in diesem Jahr alles anders: Die Band spielt ganz oben nahe der Feuertreppe, die Schüler sitzen mit Abstand und Masken auseinander statt zusammen - und Schulleiter Dr. Frank Reuber übergibt die Abiturzeugnisse mit Visier und Handschuhen. Herzlich Willkommen bei der Verabschiedung des Abiturjahrgangs 2020 der Gesamtschule Gießen-Ost am Freitagmorgen.

Gefühlt jeder Abiturjahrgang verlässt die Schule mit der Vorstellung, besonders gewesen zu sein: Die 1999er, die 2000er zum Beispiel sahen sich als die letzten oder ersten Absolventen des jeweiligen Jahrtausends. Und doch ist der diesjährige Abschlussjahrgang wirklich einmalig: Weil wegen eines klitzekleinen Virus die Welt zum Teil aus den Fugen geraten ist. Statt Abi-Ball in der Kongresshalle und einer großen Zeugnisverleihung gingen die Schulen jede für sich einen anderen Weg, um mit Abstand und Hygienevorschriften Eltern und Schülern einen Abschied zu ermöglichen: Von der Einrichtung, von den Lehrern, von den Klassenkameraden - kurz: vielleicht nicht vom letzten wichtigen, aber doch von einem prägenden Abschnitt ihres Lebens.

An der GGO hatte die Schulleitung zusammen mit der Schülerschaft überlegt, wie eine Verabschiedung aussehen könnte. Im Gespräch war eine Zeugnisübergabe auf dem Schulhof - mit allen Schülern zusammen, aber ohne Eltern. Am Ende entschied sich die Schulgemeinde, die Feier wie jedes Jahr in der Osthalle stattfinden zu lassen - in drei aufeinanderfolgenden Feiern um 9.30, 13 und um 16 Uhr.

Reuber ist ein Schulleiter, der nah dran ist an "seinen" Schülern. Zu gefühlt jedem zweiten Absolventen kann er eine Anekdote erzählen. Man kauft es ihm ab, wenn er in seiner Rede sagt, dass ihm ob der Umstände der diesjährigen Abi-Prüfungen die Worte fehlen und er die Art der Verabschiedung bedauert. Dann aber sagt er: "Eine derartige persönliche Disziplin zu zeigen und unter dieser besonderen Drucksituation eine solche Leistung zu vollbringen, unterstreicht, dass ihr in jeder Hinsicht ein besonderer Jahrgang seid." Damit nimmt Reuber auch denjenigen den Wind aus den Segeln, die das "Corona-Abi" kritisch sehen: "Mit einem Abiturdurchschnitt von 2,14 seid ihr der beste Abiturjahrgang in der 51-jährigen Geschichte dieser Schule."

Reubers Rede handelt von den besonderen Umständen, unter denen die Abiturienten ihren Abschluss gemacht haben. Und er gibt ihnen mit auf den Weg, diese Erfahrungen zu nutzen und der Geschichte ihren Stempel aufzudrücken: "Ihr seid menschlich, zugewandt, pfiffig, schlau, belesen, freundlich, empathisch, wertschätzend, forsch, abwartend, besonnen, umweltbewusst und vor allem sozial." Den 186 Abiturienten wünscht er: "Seid glücklich, denn ihr seid Menschen, deren Erzählungen Zukunft haben."

Es ist gute Tradition, dass auch aus dem Kreis der Abiturienten eine Rede gehalten wird. So spricht bei der ersten Feier Nuschin Shams Ashaghi vielen aus der Seele, als sie sich bei Eltern, Freunden, Lehrern und Schulleitung bedankt. Sie betont, mit einem Lächeln auf ihre Schulzeit zurückzublicken. Sätze wie diese gehören irgendwie immer zu solchen Feiern, klar. Aber während einer Pandemie ist Selbstverständliches eben nicht mehr selbstverständlich. Es spricht auch für die GGO-Absolventin, dass sie gleich zu Beginn ihrer Rede daran erinnert, dass die Schüler zu Hause in Sicherheit gelernt haben, während Freunde und Familienmitglieder weiterhin arbeiten gegangen sind.

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