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Der Neue Friedhof: Auch hier wird es in den kommenden Wochen keine größeren Trauerfeiern geben. FOTO: SCHEPP

Abschied im sehr kleinen Kreis

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Bis zuletzt waren in der Corona-Krise Trauerfeiern mit bis zu 50 Personen gestattet. Seit Freitag sind nur noch Zusammenkünfte mit fünf Personen erlaubt. Das gilt auch für Bestattungen. Angehörige müssen sich entscheiden: Entweder sie reduzieren die Zahl der Gäste dramatisch, oder sie warten nach der Einäscherung ab, bis die Einschränkung aufgehoben wird.

Es betrifft alle Feste: Hochzeiten, Taufen, Examensfeiern, runde Geburtstage werden abgesagt, weil man in der Pandemie auf Abstand zueinander gehen muss. Alles kann man verschieben, nur den Tod nicht. Da bis zuletzt nur 50 und aktuell sogar nur noch fünf Personen an einer Trauerfeier teilnehmen dürfen, müssen sich die Angehörigen entweder für eine sehr kleine Feier entscheiden, oder sie müssen warten, bis sich die Zeiten irgendwann wieder normalisiert haben.

Nach dem hessischen Friedhofs- und Bestattungsgesetz muss eine Bestattung spätestens 96 Stunden nach Eintritt des Todes erfolgen. Die Kremierung gilt als Bestattung, sodass die Urne mit der Asche dann "nur noch" beigesetzt wird. Und die Urnenbeisetzung kann zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen, sagt Claudia Boje, Pressesprecherin der Stadt. Oft vergehen ein bis drei Wochen, ehe der endgültige Abschied erfolgt. Bei Erdbestattungen sieht das Ganze anders aus, die müssen innerhalb der 96-Stunden-Frist erfolgen. Der Anteil der Erdbestattungen liegt in Gießen jedoch unter 20 Prozent, daher sieht die Stadt keine Probleme, die Bestattungen zeitnah sicherstellen zu können.

Bestatter Patric Stromberg hat bereits letzte Woche seine Mitarbeiter in den Filialen angewiesen, nicht mehr ins Haupthaus zu kommen. So will er sicherstellen, dass nicht zu viele Kollegen ausfallen. Stromberg ist in seiner Branche einer der Großen: Er richtet pro Monat zwischen 60 und 80 Bestattungen aus. Bis Freitag gab es in der Krise in seinem Trauerzentrum kleine Abschiedsfeiern. Jetzt sind eigentlich keine mehr möglich. Einige Termine hat Stromberg bereits absagen müssen. Wenn jemand eine Bestattung plant, zu der Angehörige, Freunde, Kollegen und Nachbarn kommen, dann geht das derzeit nicht. "Ich empfehle dann, die Urne eine Weile stehen zu lassen und die Trauerfeier zu verschieben", erklärt Stromberg.

Die Vorstellung, dass man Leute ausladen muss, die gerne beim Abschied dabei wären, findet er inakzeptabel. "Das will man doch niemandem zumuten." Die Stadt Wetzlar habe bereits signalisiert, dass sie die Bestattungsfrist von neun Wochen verlängern will, sodass die Angehörigen nicht unter Zeitdruck geraten. Ähnliches erwarten die Bestatter auch in Gießen.

Da man bei der Stadt davon ausgeht, dass auch die Personaldecke dünner werden könnte, gibt es zudem die Auflage, dass keine Trauerfeiern mehr parallel stattfinden. Bisher war es laut Boje durchaus üblich, dass auf dem Neuen Friedhof eine Erdbestattung und gleichzeitig eine Urnenbeisetzung stattfanden, oder es gab gleichzeitig Trauerfeiern in Wieseck oder Kleinlinden. Das sei oft eine logistische Herausforderung, doch erfülle man den Bestattern und Angehörigen im Normalfall gerne die Terminwünsche.

Da derzeit von Normalfall keine Rede mehr sein kann, gibt es diese Doppeltermine erst einmal nicht mehr.

In diesen Tagen gibt es außer der Größe des Trauerkreises noch weitere Unwägbarkeiten: Wird es einen Gottesdienst geben können? Was ist mit Kaffee und Kuchen im Anschluss? All das ist derzeit kaum machbar.

Auch bei der Zeremonie selbst müssen sich Familien umstellen, denn es ist ungewiss, ob es in den kommenden Wochen den gewünschten Blumenschmuck gibt. Stromberg: "Bisher konnten wir alle Wünsche erfüllen. Rote Rosen oder gelbe Gerbera, das war egal. Aber jetzt wissen wir nicht, ob der Handel liefern kann." Die Blumengeschäfte mussten schließen, und die Floristen, die auf festliche Arrangements spezialisiert sind, haben weder Blumen noch Aufträge. "Wir hoffen, dass wir auch künftig Lieblingsblumen beschaffen können", sagt der Fachmann.

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