Abschied vom Labor der Kunst

  • Karola Schepp
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Nach 19 Jahren Lehrtätigkeit verlässt Heiner Goebbels das JLU-Institut für Angewandte Theaterwissenschaften. Auf seine Zeit in Gießen schaue er glücklich zurück, betont der 65-Jährige und erzählt als Pensionär in spe von tollen Studierenden, Unterstützung und einem "running gag".

Wie kommt es, dass ein Komponist und Soziologe Professor für Angewandte Theaterwissenschaften ist? Der Legende nach hat das auch etwas mit einer Unterschriftensammlung zu tun.

Heiner Goebbels: Der damalige Uni-Präsident Heinz Bauer hatte mich angesprochen und nach längerer Überlegung habe ich mich auch beworben. Doch dann kamen die Bedenken wieder, und ich zog meine Bewerbung zurück. Eines Tages klingelten dann drei Studierende bei mir zuhause in Frankfurt und brachten eine Unterschriftenliste mit – da war klar, dass ich es machen musste. Und ich habe es keinen einzigen Tag bereut. Das ist wohl die schönste Pointe. Ich hatte ohnehin nie einen Karriereplan für mein Leben, sondern habe immer neue Herausforderungen, die mir angeboten wurden, ergriffen – und versucht, das, was mir andere zutrauten, so gut wie möglich zu machen.

Und was hat Sie in Gießen gehalten?

Goebbels: Die Besonderheiten dieses Instituts – und die erfahre ich jeden Tag, an dem ich hier bin. Und ich merke bei meinen Reisen und Vorträgen, wie groß das Echo des Instituts weltweit ist. Im Schnitt kommen zwei- bis dreimal pro Semester Kollegen von anderen Instituten hierher – aus Australien, Russland, China, Amerika. Sie wollen sich das Gießener Modell anschauen.

Es hat also Vorbildcharakter?

Goebbels: Absolut. Die Angewandten Theaterwissenschaften sind ja eine seltene Konstruktion mit einem erstaunlichen Potential: eine Kunsthochschule innerhalb einer universitären Struktur. Und das bedeutet die Koexistenz von zwei sich eigentlich ausschließenden Modellen. Und es wäre falsch, die darin lauernden Widersprüche nach der einen oder anderen Seite hin aufzulösen. Denn wie Theorie und Praxis tatsächlich zusammenkommen, bleibt ein Geheimnis. Das war von Anfang bestens konzipiert. Das Institut ist eine hervorragende Alternative zu den meisten klassischen Ausbildungsmodellen für die darstellenden Künste, die mit ihren aufs Handwerk konzentrierten Programmen mehr und mehr in eine Krise geraten.

Erstaunlich, dass das Gießener Modell nicht von anderen adaptiert wird.

Goebbels: Alle Institutionen haben eine gewisse Schwerkraft, die verhindert, dass sich in ihren Grundfesten etwas ändert. Das ist eben auch mit vielen Hochschulen so. Die Möglichkeiten, an einer Theaterhochschule die Theorie dermaßen gut zu besetzen, wie das bei uns der Fall ist, sind sehr beschränkt. Und umgekehrt sind auch die Möglichkeiten an anderen Universitäten begrenzt, die künstlerische Praxis derart stark zu machen.

Was wollen Sie Ihren Studenten mit auf den Weg geben?

Goebbels: Unsere Lehre ist eher Forschung. Wir zeigen den Studierenden nicht, ›wie man es macht‹ – das weiß ich selbst bei meinen eigenen Stücken nicht. Sondern der Fokus liegt darauf, einer nachwachsenden Generation dabei zu helfen, ihre eigene Ästhetik zu entwickeln. Den Nachwuchs vorzubereiten auf das, was einmal kommen wird. Und von dem wir selbst noch nicht wissen, wie es aussehen könnte. Dabei kann meine Erfahrung zwar helfen, aber es geht nicht darum, Rezepte zu verteilen. Wichtig ist mir zum Beispiel, die Wahrnehmung stark zu machen, sie zu reflektieren. Und im Arbeitsprozess immer auch die eigenen Absichten zu überprüfen und sie zu vermitteln. Letztlich geht es auch darum, dem Nicht-Intentionalen Raum zu lassen – also im Prozess offen zu bleiben für die Entdeckung des Zufälligen.

Wie wichtig ist der Laborcharakter?

Goebbels: Wichtig ist es, auch ein Konzept wieder über Bord zu werfen, wenn sich die Materialien als etwas anderes herausstellen als das, was man von ihnen erwartet. Dabei spielen auch die internen Kritikgespräche eine Rolle, die im Institut eine lange Tradition haben. Und noch etwas ist wichtig: Wie haben hier weder eine vertikale Trennung in die verschiedenen Disziplinen, noch eine horizontale Trennung nach Jahrgängen. Hier kann jede mit jedem zusammenarbeiten, und Studierende von allen Semestern können zusammen im selben szenischen Projekt sein. Dabei lernen sie voneinander mindestens ebenso viel wie von uns Professoren.

Sie selbst haben sich immer Ihren ganz eigenen Weg in der Kunst gesucht. Konnten Sie das auch im Uni-Betrieb verwirklichen?

Goebbels: Wir konnten in den vergangenen Jahren hier viel verändern und aufbauen, besonders die künstlerische Praxis betreffend. An der Universität mit einer künstlerischen Masterarbeit abzuschließen – das gab es zum Beispiel noch nicht, als ich kam. Ich habe auch die Hessische Theaterakademie mitbegründet, um dadurch alte Gräben zwischen dem Institut und den Stadttheatern zu überbrücken. Zugleich wurden damit Produktionsmöglichkeiten erweitert, die die Universität nicht bieten kann. Auch die Kanäle zur freien Theaterszene ließen sich für die Studierenden öffnen. Und mit großer Unterstützung der Universität konnten wir eine weitere Professur und den Master für Choreografie und Performance als dritten Studiengang ansiedeln. Zusammen mit den Studierenden haben wir den Wechsel zur Modularisierung bzw. zu Bachelor- und Masterstudiengängen so umgebaut, dass er eine Verbesserung gebracht hat. Freiheit und Flexibilität der Studierenden haben damit eher zugenommen.

Sie wurden mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, etwa dem für "Exzellenz der Lehre" oder dem Ibsen-Preis für Ihr Lebenswerk? Wie wichtig waren solche Preise für Sie persönlich, aber auch für das Institut?

Goebbels: Man freut sich immer über die Anerkennung. Und es verschafft einem wieder ein paar Tage gute Laune. Aber meine Arbeit hat nie darauf gezielt. Bei den meisten Preisen wusste ich vorher nicht einmal, dass es sie gibt. Das gilt auch für den Ibsen-Preis.

Viele ATW-Absolventen sind sehr erfolgreich: René Pollesch oder Moritz Rinke...

Goebbels: Die haben hier vor meiner Zeit studiert...

Aber es gibt auch andere prominente Beispiele, etwa Rimini-Protokoll, Fux oder She Bop. Sind die ATW an der Liebig-Universität so etwas wie eine Kaderschmiede?

Goebbels: Im Unterschied zu Regieschulen und Kunsthochschulen werden hier eher weniger Einzelkämpfer und Egos ausbildet. Durch die große Eigenverantwortung, die die Studierenden hier übernehmen können, entwickelt sich eine Teamfähigkeit, die dann auch zu anderen künstlerischen Resultaten führt. Eine Arbeit, die gemeinsam entsteht, ist zugänglicher für verschiedene Perspektiven und hebelt eher die Hierarchie der Theatermittel aus. Wenn eine Gruppe wie Rimini-Protokoll zu dritt inszeniert, sind auf der Bühne unterschiedliche Standpunkte präsent. Das macht die Arbeit komplexer, aber zugleich auch offener und ist vom Arbeitsklima sicher wesentlich angenehmer, als wenn sich jemand als großer Zampano aufspielt. Es gibt natürlich auch bei uns immer wieder Solisten, die dann in Bayreuth eine Oper inszenieren oder als Regisseure an Theatern sehr erfolgreich sind. Aber es ist konkurrenzlos, wie viele Teams aus dem Institut erfolgreich sind. Das Gießener Produktionsmodell hat Zukunft – den alten autoritären Theaterstrukturen habe ich schon in den 70er Jahren misstraut.

Lange waren die Theaterwissenschaftler nicht wirklich Teil der Stadtgesellschaft. Das hat sich geändert. Großen Anteil daran hat auch das Stadttheater, wo ATWler ihre Masterabschlussarbeiten zeigen.

Goebbels: Diese Öffnung hat auch die Hessische Theaterakademie möglich gemacht.

Aber die Skepsis zwischen den Theaterwissenschaften und dem etablierten Theaterbetrieb bleibt.

Goebbels: Sie ist ja auch angebracht. Die Reibung zwischen freiem und institutionellem Arbeiten ist konstruktiv. Eigentlich Neues entsteht doch eher unter kompromisslosen Laborbedingungen. Am Theater muss man sich mit Verträgen, Strukturen, Sicherheitsvorkehrungen oder gewerkschaftlichen Arbeitszeiten auseinandersetzen. Diesen Praxisschock haben wir aber schon ins Studium verlagert – durch Regieassistenzen oder Arbeiten, die Studierende zeigen können.

Sie selbst führen ihre Werke aber oft an ungewöhnlichen Orten auf.

Goebbels: Ich zeige sie auch an Stadttheatern oder Opernhäusern – wenn sie mich einladen. Aber sie entstehen dort nicht. Dafür brauche ich kompromisslos die künstlerische Freiheit – auch für meine eigene Unsicherheit beim Entstehungsprozess. Eine Ausnahme ist es, wenn ich Anfang Mai am Stadttheater ein szenisches Konzert auf die Bühne bringe. Eigene Kompositionen für Ensemble, zum Teil aus den 90ern, denen gemeinsam ist, dass Literatur ein starker Beweggrund war: Texte von Heiner Müller, Rainald Goetz, Alain Robbe-Grillet, Hugo Hamilton; Stücke im Zwischenbereich zwischen Text und Musik, Theater und Konzert. Im Stadttheater suche ich dafür eine neue Visualisierung. Aber bei der Aufführung von "Surrogate Cities" in der Osthalle bin ich nicht involviert.

Schade, dass das nicht auf der neuen Probebühne gezeigt werden kann. Die sollte doch eigentlich schon 2015 fertig sein.

Goebbels: Über die wurde mit mir schon 1999 gesprochen und ist inzwischen ein running gag zwischen dem Präsidium und mir. Letztlich geht das auf eine Berufungszusage zurück, die langsam das Licht der Welt erblickt. Aber ich freue mich sehr, dass es jetzt klappt, und wünsche meinen Nachfolgern und den Studierenden damit viel Glück. Die neue Probebühne wird die Verzahnung in die Stadt sicher weiter vorantreiben können.

2018 ist für sie ein Jahr mit vielen Umbrüchen: die Pensionierung, Sie geben den Vorsitz der Hessischen Theaterakademie und im Frankfurt LAB ab. Legen Sie den Fokus nun wieder mehr auf eigene Arbeiten?

Goebbels: Ja. Die Professur hat mich zwar nicht davon abgehalten, alle paar Jahre eine Theaterarbeit ins Ziel zu bringen. Aber der fragmentierte, zerstückelte Alltag des Lehrens gab mir nicht die Ruhe, um größere Werke zu komponieren. Ich hoffe, dass mir das nun wieder leichter fällt. Ich zeige ab Juni auch die multimediale Installation "Landschaftsstücke" in der Kunsthalle. Bei mir hat sich in den vergangenen Jahren der Fokus von der Musik und dem Theater etwas zu installativen Arbeiten in Museen verschoben. Dafür werde ich jetzt mehr Zeit haben.

Was würden Sie tun, wenn Sie keine Rücksichten auf Finanzierungen oder andere äußere Gegebenheiten nehmen müssten?

Goebbels: Ich habe generell keine Visionen. Meine Arbeitsweise ist anders: Ich arbeite mich an Gegebenheiten ab oder entwickele sie weiter. Ich warte auf Herausforderungen, von denen ich jetzt noch nicht weiß, wie sie aussehen.

Wie haben Sie das während Ihrer Zeit als Leiter der Ruhrtriennale gehandhabt?

Goebbels: Ich konnte mein Lehrdeputat auf die Hälfte reduzieren und war jede Woche hier. Ich wollte das nie ganz aufgeben. Das Festival war eine anstrengende, aber auch sehr zufriedenstellende Arbeit. Und danach habe ich mich bis zur Pensionierung ganz auf das Institut konzentriert und seit 2014 auch keine neuen Theaterprojekte übernommen. Meine Zeit in Gießen war die längste Periode, die ich je an einer Institution zugebracht habe. Ich schaue darauf sehr glücklich zurück. Das hat auch mit den tollen Studierenden zu tun – wir dürfen sie uns ja auch aussuchen – und mit ihnen zu arbeiten, ist ein tägliches Vergnügen und eine große Inspiration.

Wie wichtig war Gießen für Sie und wie wichtig waren Sie für Gießen?

Goebbels: Es hätte wohl keine andere Universität gegeben, an der ich mich so wohl gefühlt hätte wie hier. Die Wege waren kurz, die Unterstützung groß und das ist dem Institut zugutegekommen. Wenn dem nicht so gewesen wäre, wäre ich sicher ganz schnell wieder verschwunden. Die zweite Frage müssen die Gießener beantworten.

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