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Blumen zum Abschied: Karl Fiedler bedankt sich bei Andrea Kramer. FOTO: SCHEPP

Abschied vom "Gesicht der Beko"

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Sie war 20 Jahre lang das Gesicht der Beko. Nun geht Andrea Kramer, die Leiterin der Beratungs- und Koordinierungsstelle für ältere Menschen, in den Ruhestand. Die 65-Jährige war nicht nur eine Ansprechpartnerin rund um Alter und Pflege, sondern sie gab immer wieder auch den Anstoß für notwendige neue Wege in einer alternden Gesellschaft.

Andrea Kramer war immer eine Art Seismograf. Lange bevor ein Thema in der Mitte der Gesellschaft landet, ist ihr schon klar: "Da kommt etwas auf uns zu, das wird ein Riesenproblem." Das war vor Jahren beim Umgang mit Demenz oder dem Fehlen von Kurzzeitpflegeplätzen so, und das ist aktuell beim desaströsen Mangel an ambulanten Dienstleistern und dem Pflegenotstand der Fall.

Die 65-Jährige und ihr Team sehen in ihrer täglichen Arbeit, was los ist in den Familien der Region. Kramer hat zudem die analytische Fähigkeit, die Folgen zu erkennen und Lösungswege zu entwickeln. Das hat in der Vergangenheit häufig dazu geführt, dass sie in den politischen Gremien von Stadt und Kreis klar Position bezog und Forderungen formulierte. "Sie hat viele Projekte angestoßen, war eine wichtige Vermittlerin und hat uns alle menschlich und fachlich bereichert", sagte Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz bei der Verabschiedung im Caritashaus St. Anna, zu der Kramers Familie, viele Mitstreiter und Kollegen gekommen waren.

Dass die Beko zu einer wichtigen Anlaufstelle werden würde und dort zugleich bedeutsame sozialpolitische Weichen für die Region gestellt werden würden, hätte sich vor 20 Jahren niemand träumen lassen. Vielmehr sei es ein Experiment gewesen, eine praxisorientierte Beratungsinfrastruktur zu schaffen, erinnerte Karl Fiedler, damals Sozialdezernent des Landkreises und heute Vertreter des Beko-Trägerverbundes (die Einrichtung wird getragen von AWO Stadt und AWO Kreis, vom Caritasverband, der Diakonie, dem Deutschen Roten Kreuz und den Johannitern). Der Versuch glückte von Anfang an, die Beratungsstelle in der Kleinen Mühlgasse wurde vom ersten Tag an stark frequentiert. Nahezu jeder, der in seiner Familie mit dem Thema Betreuung, Hilfen oder Wohnen im Alter konfrontiert wurde, hatte schon einmal Kontakt zu den Beraterinnen der Beko. Zu Kramers großen Stärken gehört es, komplizierte rechtliche Details für Laien verständlich zu erläutern. "Sie brachte immer Licht ins Dickicht des Antrags- und Bürokratiedschungels", sagte die OB. Kramer brachte ihre Erfahrungen und Kompetenzen aber nicht nur direkt am Arbeitsplatz, sondern auch darüber hinaus ein: Sie war Mitglied des Seniorenbeirats, sie gehörte zum Runden Tisch "Älter werden in Gießen" und war somit Mitinitiatorin der Seniorenmesse, sie engagierte sich in den städtischen Gremien und trat immer wieder für Menschen ein, deren Stimme sonst nicht gehört wird. "Sie tat das stets auf ihre behutsame, zugewandte Weise", schilderte die OB.

Dabei hatte Kramers Berufswahl sie zunächst in eine ganz andere Richtung geführt, hatte Caritasdirektorin Eva Hofmann zu Beginn geschildert. Sie hatte Mathematik und Biologie auf Lehramt studiert und - wie so viele andere in den 70er Jahren - keinen Job bekommen. Nach einer Ausbildung zur Rechtsanwaltsgehilfin und weiteren Fortbildungen begann sie schließlich beim Caritasverband. Sie war dort in verschiedenen Bereichen tätig, bis sie schließlich mit dem Aufbau und der Leitung der Beko betraut wurde.

Kramer war es immer ein besonderes Anliegen, nicht nur eine gute Lösung für die alten Menschen zu finden, sondern auch für deren Angehörige. Immer wieder wies sie auf die Überlastung insbesondere der Frauen hin: "Ohne die Töchter und Schwiegertöchter würde unser ganzes Hilfesystem zusammenbrechen", gab sie oft zu bedenken.

Vor zehn Jahren wurde die Beko vom Pflegestützpunkt ergänzt, der in Trägerschaft der Pflege- und Krankenkassen und des Landkreises Gießen betrieben wird. Nach anfänglicher Sorge, dass es zu einer Interessenkollision kommen könnte, haben sich die Teams, die unter einem Dach arbeiten, nicht nur miteinander arrangiert, sondern sie arbeiten eng und gut zusammen. Kramer war in den vergangenen Jahren nicht nur für die Beko, sondern auch für den Pflegestützpunkt tätig.

In Kürze wird die Rechtsform der Beko umgewandelt; es wird ein Verein entstehen. Wer die Beko-Leitung übernimmt, entscheidet sich ebenfalls bald. Bisher kann sich aber niemand die Beratungsstelle ohne Kramer vorstellen - aber ganz aus der "Szene" verschwinden wird sie auch nicht. Ihre Erfahrung wird sie künftig in Ehrenämtern einbringen.

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