Im fotorealistischen Gemälde "Die Sonnenblumen" des aus Gießen stammenden Malers Andreas Orosz klingt das alte Vanitas-Motiv an. 	FOTO: OBERHESSISCHES MUSEUM/KNOSSALLA
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Im fotorealistischen Gemälde »Die Sonnenblumen« des aus Gießen stammenden Malers Andreas Orosz klingt das alte Vanitas-Motiv an. FOTO: OBERHESSISCHES MUSEUM/KNOSSALLA

Abgesang auf den Sommer

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Die »Sonnenblumen« des aus Gießen stammenden Malers Andreas Orosz faszinieren durch Zauber und verblüffende Perfektion. Auch sie sind Teil der Gemäldesammlung des Oberhessischen Museums.

Jeder kennt die Sonnenblumen, die Vincent van Gogh für seinen Malerfreund Paul Gauguin in vielerlei Variationen auf die Leinwand brachte und die als massenhaft verbreitete Farbdrucke nach wie vor zahlreiche Zimmer schmücken. Sie bringen den Sommer der Provence in die Stube und leuchten dem Betrachter auf geradezu magische Weise als Symbole der Wärme entgegen. Im satten Gelb ihrer prallen Blüten scheinen der Duft und die Sonne des Südens für immer eingefangen.

Andreas Orosz hat es 1993 gemalt

Die Sonnenblumen, die uns Andreas Orosz in der Gemäldesammlung des Oberhessischen Museums zeigt, sind nicht in der Provence gewachsen, sondern in Gießen, und im Unterschied zu der üppigen, verschwenderischen Blütenfülle auf den Bildern Van Goghs haben diese Exemplare ihre besten Tage bereits hinter sich. So kraftlos, wie sie die Köpfe hängen lassen, wirkt das detailfreudige, in hyperrealistischer Manier gemalte Stillleben wie ein wehmütiger Abgesang auf den Sommer. Malerisch handelt es sich um eine in jeglicher Hinsicht brillante Darstellung einer ganz alltäglichen Szenerie, die uns als Betrachter sowohl durch ihren Gehalt als auch durch ihre Intensität in den Bann schlägt. Die Szene mit den allein gelassenen Dingen rührt uns vielleicht gerade deshalb an, weil uns die welkenden Sonnenblumen etwas vom unwiederbringlich Vergangenen erzählen, was eben noch frisch und Gegenwart war.

Es ist naheliegend, dass das 1993 entstandene Ölbild auch »Sonnenblumen« heißt. Geschaffen hat es der aus Gießen stammende Andreas Orosz (Jahrgang 1960), der heute in Wiesbaden lebt und längst zu den namhaften Vertretern der realistischen Malerei gezählt werden muss. Orosz war und ist auf bedeutenden Ausstellungen im In- und Ausland vertreten und unterrichtet Kunststudenten in gegenständlicher Malerei als Professor an der Alanus-Hochschule in Bonn. Seine Werke waren auf Messen wie der »ART Basel« oder der »Art Karlsruhe« zu sehen, ebenso in der Überblicksschau »Hyperrealism - 50 years of Painting« in der Kunsthalle Rotterdam. Im Zentrum seines Schaffens stehen Landschaften, Stadtansichten, Interieurs und Stillleben.

In seiner Heimatstadt Gießen besuchte Orosz die Landgraf-Ludwig-Schule, wo er 1979 sein Abitur ablegte, studierte zunächst Anglistik und Kunstgeschichte an der Justus-Liebig-Universität und wechselte dann an die Johannes-Gutenberg-Universität nach Mainz. Bereits 1984 bestritt er seine erste Ausstellung. 1995 zeigte das Oberhessische Museum eine umfassende Ausstellung mit seinen Gemälden und Grafiken. Daraufhin erwarben die Gießener Frauen vom Verband »Frau und Kultur« die »Sonnenblumen« und schenkten sie dem Museum.

Geschenk von »Frau und Kultur«

Neben dem stillen Zauber, der über dem Ganzen liegt, besticht das Werk des damals 33-jährigen Künstlers durch eine staunenswerte Perfektion in der Ausführung. So stehen die Gegenstände in ihrer Farbigkeit, Plastizität und Beschaffenheit des Materials zum Greifen nahe vor unseren Augen. Zugleich bewahrheitet sich das alte Bonmot, wonach jeder Realismus gut erfunden, gut komponiert sein muss, um Wirkung zu erzielen. Der foto- oder hyperrealistische Maler greift zwar auf Dinge des wirklichen Lebens zurück, stellt sie jedoch in einen neuen Zusammenhang und erschafft so eine eigene Bildwirklichkeit. Er inszeniert seine eigene Wirklichkeit.

Blick in Gießener Stadtwohnung?

Andreas Orosz lässt uns einen Blick in eine typische - Gießener? - Stadtwohnung werfen. Vor ein paar Tagen muss der Strauß Sonnenblumen mit vollen, strotzenden Blüten noch bildschön gewesen sein, doch nun fordert die Zeit ihren Tribut. Vielleicht hat ein Besucher die Blumen als Überraschungsgeschenk mitgebracht, für die der Bewohner keine passende Vase gefunden hat und den Strauß daher in ein leeres Einmachglas aus dem Supermarkt stellte. Auf dem halb zerrissenen Etikett ist noch zu erkennen, dass in dem Glas ursprünglich Sauerkirschen waren. Das Kirschenrot auf dem Etikett korrespondiert mit zwei roten, nicht näher zu identifizierenden Blüten, die der Maler dem Strauß offensichtlich hinzugefügt hat, um das vorherrschende Gelbgrüngrau der Komposition mit anderen Farbtupfern zu beleben.

Die Blüten der Sonnenblumen befinden sich in unterschiedlichen Stadien des Vergehens: zwei recken die Köpfe noch nach oben, während sich die anderen mehr und mehr nach unten neigen, wo bereits verwelkte Blätter liegen. Durch das Balkonfenster hinter dem Strauß sieht man in einen Hinterhof mit einer Wäscheleine und bunten Plastikwäscheklammern, die herunter aufs grüne Vordach gefallen sind. Ein kleines Stück des grauen Himmels ist über den Häusern in funktionaler Nachkriegsarchitektur sichtbar.

Zweifellos ist das Stillleben mit den welkenden Blumen ein Vanitas-Motiv, wie es in der Malerei in der Barockzeit aufkam, um die Menschen an ihre Nichtigkeit und Vergänglichkeit zu erinnern. Man kann es aber auch mit dem leidenschaftlich gärtnernden und malenden Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse halten, der angesichts sterbender Blüten dichtete: »Voll Lust und nicht vergebens war das unruhevolle Spiel des Lebens.«

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