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Gemeinsam essen macht Appetit. Je ansprechender die Mahlzeiten angeboten werden, desto besser. Fotos: Panthermedia/cg

Untergewicht

Aber bitte mit Sahne…

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Die Deutschen werden immer dicker. Aber es gibt auch das Problem Untergewicht. Darüber informierte Dr. Annette Hauenstein, Expertin im Uniklinikum Gießen, bei einer Seniorenvorlesung.

Ein alter Mensch lässt im Krankenhaus sein Tablett mit dem Mittagessen fast unberührt zurück gehen. Es wird abgeräumt, am Abend wird eine neue Mahlzeit hingestellt. Selten wird hinterfragt, was dahintersteckt, dass ein Patient wenig isst. Vielleicht ist der Deckel des Menüs zu schwer, vielleicht hat der Patient Schluckbeschwerden oder ihm ist übel, vielleicht macht die Konsistenz der Speisen Schwierigkeiten, oder er bekommt den Joghurtbecher oder die Wurstpackung nicht auf.

Diese scheinbaren "Kleinigkeiten" haben verheerende Folgen, beschrieb Dr. Annette Hauenstein, Ernährungswissenschaftlerin und Expertin im Adipositaszentrum des UGKM, dieser Tage bei der Vorlesungsreihe "Medizinsenioren" "Das Schlimmste ist, dass wir das alles schon lange wissen. Und wir wissen, dass man gegensteuern kann. Es passiert aber nichts". Bereits in den 70er Jahren habe es Studien zu dem Thema gegeben, 2006 hätten erneute Untersuchungen das Resultat von damals bestätigt. Bei 25 Prozent der Patienten ist schon optisch ersichtlich, dass der Ernährungszustand schlecht ist, bei 60 Prozent untermauern genauere Untersuchungen den Verdacht. Und die meisten Patienten nehmen im Krankenhaus weiter ab. "Wenn alte Menschen ungewollt Gewicht verlieren, ist das immer ein Alarmzeichen". Da eine Gewichtszunahme bei dieser Patientengruppe ungeheuer schwierig sei, müsse das Ziel sein, den Prozess des Abbaus zu stoppen. Die Expertin beschrieb den Teufelskreis: Hochbetagte Patienten seien häufig multimorbide, sie litten an mehreren Krankheiten gleichzeitig. Ihre Immunabwehr sei geschwächt, die Therapie sei strapaziös und der Krankenhausaufenthalt auch psychisch belastend; die Medikamentierung sorge häufig für Nebenwirkungen, die den Zustand des Patienten ebenfalls beeinträchtigten. Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust seien die Folgen. Das wiederum sorge für eine längere Verweildauer im Krankenhaus und damit für höhere Kosten. Eine gestörte Rekonvaleszenz bedeute unter anderem eine erhöhte Sturzgefahr, einen weiteren Abbau der Muskelmasse, eine schlechte Wundheilung und ein erhöhtes Dekubitusrisiko. An diesem Zustand werde sich nichts ändern, solange der Ernährung im Gesundheitswesen kein höherer Stellenwert beigemessen werde.

Damit es im hohen Alter gar nicht erst zu einer Unter- oder Mangelernährung kommt, empfahl Hauenstein eine gesunde Mischkost, außerdem Bewegung an der frischen Luft. "Alte Menschen brauchen keine andere Ernährung als junge Menschen, aber sie sollten auf die Nährstoffdichte achten und leere Kalorien meiden". Das oberste Ziel sei der Erhalt und die Verbesserung der Lebensqualität - und dafür könne man eine Menge tun. Zum einen seien der Rahmen wichtig: Gemeinsame Mahlzeiten mit anderen sorgten für mehr Wohlbefinden, außerdem sei es wichtig, dass die Speisen ansprechend angerichtet seien. "Wer einsam und schwach ist, hat keine Lust zu kochen und isst vielleicht irgendwann nur noch Würstchen aus dem Glas, weil alles andere zu mühsam ist", schilderte die Referentin ein trauriges Szenario.

Da der Appetit nachlasse, seien mehrere Mahlzeiten sinnvoll, gut seien kleine Portionen oder auch ansprechend angerichtetes Fingerfood. Auch die Konsistenz der Speisen könne man so verändern, dass es trotzdem noch Spaß mache, sie zu essen: Getränke könnten angedickt und mit zusätzlichen Nährstoffen versehen werden, und auch pürierte Kost müsse nicht unangenehm sein. "Es gibt viele Möglichkeiten, die Lust am Essen zurückbringen". Auch Nahrungsergänzungsmittel seien eine Option. "Eine Substitution mit Vitaminen, Spurenelementen oder Mineralstoffen ist im Alter durchaus sinnvoll". Auch eine erfreuliche Botschaft gab Hauenstein mit auf den Weg: Es gebe keinen Grund, auf Sahne zum Kuchen, die Butter auf dem Brötchen oder auf Eier zu verzichten, sofern diese Köstlichkeiten gut vertragen würden. Sie wolle keineswegs üppiger Völlerei das Wort reden, aber der lange gepredigte Verzicht wegen des Cholesterinspiegels oder Arteriosklerose sei im Alter unnötig. "Genießen Sie mit gutem Gewissen." Foto: cg

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