Die Radierung zeigt die Brüder Robert, Hermann und Adolf (v. l.) Schlagintweit. REPRO: DKL
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Die Radierung zeigt die Brüder Robert, Hermann und Adolf (v. l.) Schlagintweit. REPRO: DKL

Abenteurer auch aus Gießen

  • vonDagmar Klein
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Gießen(dkl). Aide Rehbaum legt einen Sammelband zu hessischen Abenteurern, Pionieren und Auswanderern des 18. und 19. Jahrhunderts vor. Die Autorin promovierte in den Fächern Archäologie und Ägyptologie. Sie organisierte Sonderausstellungen, richtete kleinere Museen und Archive ein, war Dozentin für Archäologie und Creative Writing. Seit 1994 arbeitet sie zudem als Wissenschaftsjournalistin mit Schwerpunkt Biografien. Sie verfasste auch Romanbiografien. Einige ihrer Schriften wurden in dieser Zeitung veröffentlicht oder vorgestellt.

Als Wissenschaftsjournalistin schrieb sie zahlreiche Beiträge für die Wochenendbeilage "Hessische Heimat" der Gießener Allgemeinen Zeitung, in denen über hessische Professoren auf Bonner Friedhöfen zu erfahren war.

Die zwischen 1990 und 2010 erschienenen Beiträgen zu hessischen Abenteurern, Pionieren und Auswanderern wurden überarbeitet und mündeten in ein ansprechend gestaltetes Buch mit dem Titel "Sog der Ferne".

Insgesamt sind es 30 Biografien von Menschen des 18. und 19. Jahrhunderts, zwei davon haben noch früher gelebt, aber bereits über ihre Abenteuer geschrieben. Dazu kommen zwei Überblicksbeiträge zur "protestantischen Mission rund um den Globus" und zur "afrikanischen Migration nach Hessen". Beide Themen machen betroffen und führen eher Überwältigungs- und Vernichtungsstrategien vor Augen als Interesse an neuen Ländern und den Menschen dort.

Von Schlagintweit bis Dieffenbach

Autorin Rehbaums Blick ist laut Vor- und Nachwort auf das koloniale Erbe gerichtet, das bis heute nachwirkt. Das gilt für die europäischen Gesellschaften, vor allem aber für die ehemals kolonisierten Länder. Seit Ende des 18. Jahrhunderts zog es Adlige und Bildungsbürger hinaus in die Welt, aus individuell durchaus unterschiedlichen Beweggründen. Sie nahmen lange, mühevolle Reisen auf sich, riskierten Krankheit und Tod. Die einen reisten eher touristisch, was damals "Grand Tour" hieß und nur für Reiche möglich war, andere aus Neugier an der Fremde.

Diejenigen, die mit wissenschaftlichem Interesse reisten, waren in der Regel beauftragt. Sie vermaßen die Welt, zeichneten Tiere, Pflanzen und Menschen, sammelten botanische und ethnografische Objekte, brachten sie mit nach Europa. Doch diese Pioniere bereiteten mehr oder weniger unfreiwillig den Weg für wirtschaftliche und hoheitliche Interessen, die letztlich zur Ausbeutung der Länder und Zerstörung der Kulturen führten.

In den Einzelbiografien bleibt die Autorin in der Regel historisch und sachorientiert, nur kurz fließen Kommentare oder Wertungen ein. Für Lokalhistoriker interessant ist das Buch allein wegen der Fülle an Quellen- und Literaturverweisen. Überregional bekannt ist Georg Forster, der zuletzt in Mainz lebte (damals zum Großherzogtum Hessen gehörend). Er galt als Wunderkind, das seinen Vater auf Reisen begleitete, für ihn schrieb und in mehrere Sprachen übersetzte. Auf diese Weise kam er zum Weltumsegler-Team um James Cook.

In Gießen bekannt sind Robert Schlagintweit und Ernst Dieffenbach, die beide ihr Grab auf dem Alten Friedhof erhielten. Schlagintweit war mit seinen beiden Brüdern auf Exkursion durch Indien und die Himalaya-Region, Dieffenbach war Pionier in Neuseeland. Beide waren übrigens von britischen Handelsgesellschaften beauftragt. Für die hiesige Region bekannte Namen tragen etwa der Diplomat Gustav Adolf Schenck zu Schweinsberg, der in Persien und China wirkte, der Naturforscher Georg Heinrich von Langsdorff aus Leihgestern, der 1803-07 die Welt umsegelte, und Friedrich Heßemer, der als junger Mann im Auftrag des Darmstädter Architekten Georg Moller auch in Gießen wirkte. Die Abenteuerlust führte ihn über Italien nach Ägypten, wo er die Pest erlebte und bei der Rückfahrt in Quarantäne musste. In unserer aktuellen Corona-Pandemie-Situation ist es wirklich interessant zu lesen, welche Maßnahmen die damaligen Behörden in Triest trafen.

Auch Graf Carl von Schlitz gen. Görtz dürfte von lokalhistorischem Interesse sein, hat der Grand-Tour-Reisende doch Deutsche im Ausland besucht, unter anderem Baron Louis von Buseck, der sein Haus am Eriesee erbaute.

Aide Rehbaum: "Sog der Ferne", Wissenschaftlicher Buchverlag 2020, 260 Seiten, 170 Abbildungen, ISBN-Nr. 978-3-534-40390-5, 44,- Euro (Mitglieder 35,20 Euro)

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