Ein Abend voller Wehmut

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Gießen(bf). Eine ganz besondere Preziose erhielten die Besucher der Tanzschule "Astaire’s" am Samstag. Sie konnten nämlich Irina Ries in der Hauptrolle von Georg Kreislers "Heute Abend: Lola Blau" erleben. Ries legte dermaßen viel Verve an den Tag, dass die Zuschauer hingerissen lauschten.

Ries war ab 2011 einige Jahre lang fest am Gießener Stadttheater engagiert. Sie gab vom ersten Moment an alles. Die melancholische Geschichte der jüdischen Sängerin, die in der Zeit des "Anschlusses" Österreichs aus Wien in die USA emigriert, dort Karriere macht und nach Wien zurückkehrt, ist die Parallele zum Leben des jüdischen Autors, Komponisten und Kabarettisten Georg Kreisler (1922-2011).

Los ging’s mit "Im Theater ist was los", einem Song, der Aufbruchsstimmung signalisiert: "Ende gut, alles gut, vielleicht komm ich nach Hollywood", reimte Kreisler, und Ries schlug mit Charme und tadelloser Gesangsqualität die Zuhörer in Bann. In der kleinen "Studiobühne" im Parterre der Tanzschule begleitete Pianist Christian Keul auf einem nicht ganz so gut disponierten Instrument. Er erwies sich als durchgehend versierter und sensibler Begleiter, dem auch die schlagerhaften Titel nicht die geringsten Probleme machten.

Die Texte skizzieren die Rahmenhandlung, eine Probe in Erwartung des Intendanten, die Ries mit knappen klassischen Requisiten illustrierte, attraktive Garderobe inbegriffen. Sie agierte mit enormer Präsenz und platzte förmlich vor Spielfreude, zischte von einer Rolle in die nächste - es gab noch Onkel Paul, die Zimmerwirtin, die schon mal eine Hakenkreuzfahne aufhängte ("und in einer Stunde sind’s bitte draußen, Fräulein Blau"), und am Telefon erschien ab und zu ihr Geliebter, Leo Glücksmann, der ähnliche Probleme bekommt.

Kreisler geht mit virtuos bissiger Präzision zur Sache, etwa den Männern. "Brutal" seien sie, dass sie ein Genie sind, müsse man ihnen sagen, ("dann wird ihnen ganz schwummerig"), und schließlich resümiert Lola: "Ist es ein Wunder, dass man diese Kerle ersticht?" Ries brachte das so authentisch rüber, dass einem fast etwas mulmig wurde. Sie war Kreislers subtilen gesanglichen, sprachlichen und inhaltlichen Nuancen vollkommen gewachsen.

Kreisler bringt seine Figur neben absolut köstlichen Witzigkeiten auch zu tiefer Trauer ("Man muss nur wissen, man hat niemals ein zu Hause", "Heute fand ich alte Tränen") und schrieb Texte von schillernder Eleganz und Vielfalt. Ries lieferte eine subtil differenzierte Topversion des "Herrlichen Weibs", das die Feinheiten des Texts restlos umsetzt. Für zahlreiche Titel erhielt sie mehrfach Zwischenapplaus. Am Ende noch eine herrliche Mozartparodie, bis dann der Pessimismus auch über die Nachkriegslage in Deutschland und Österreich den Ton angibt. "Im Theater ist nichts los", hieß denn auch der Abgesang. Riesiger Beifall, Keul und Ries mussten dreimal wiederkommen.

Vorerst letzte Theatervorstellung

Das Haus war voll: Unter den Besuchern fanden sich zahlreiche Kreative, hauptsächlich Mitglieder des Schauspielensembles des Theaters, die plötzlich alle frei hatten. Desgleichen ein paar Musiker des philharmonischen Orchesters und Mitglieder des Teams der Marburger Musical-Company von "Jesus Christ Superstar" - die weiter proben wollen.

Besonders waren die Berührungspunkte zur momentanen Situation, die mehrfach geradezu körperlich spürbar wurde. Das Publikum versank in tiefer Stille. Nach der Vorstellung kam Freude darüber zum Ausdruck, dass man noch mal eine solche hochwertige Show erleben konnte. Und mehr als eine Spur von Trauer: das war wohl zunächst für lange Zeit die letzte Theatervorstellung in Gießen.

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