Lieselotte Boller: Eine lebenskluge Frau. Heute wird sie 97 Jahre alt. (FOTO: SCHEPP)
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Lieselotte Boller: Eine lebenskluge Frau. Heute wird sie 97 Jahre alt. (FOTO: SCHEPP)

Senioren und Corona

97-jährige Gießenerin: "Ich lebe sehr gerne"

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Wie erlebt ein Mensch, der seit fast 100 Jahren auf der Welt ist, die Corona-Pandemie? Wir haben mit der 97-jährigen Lieselotte Boller darüber gesprochen.

Heute gibt es Apfelkuchen. Ohne Streusel. Das ist dem Geburtstagskind wichtig. Die Tochter aus Dortmund bringt ihn mit. Die Kinder, Enkel und Urenkel in Darmstadt, Ingolstadt und Gießen backen ebenfalls Apfelkuchen ohne Streusel und schalten sich per Videokonferenz zu. Herzliche Glückwünsche zum 97. Geburtstag, liebe Lieselotte!

Feiern in Zeiten von Corona sehen anders aus als gewohnt. Lieselotte Boller lacht. Natürlich hätte sie sich ein richtiges Wiedersehen gewünscht, aber es ist nun einmal nicht zu ändern. Das Alter bringt viele Einschränkungen mit sich, aber auch Gelassenheit. Sie freut sich über jeden Tag und dankt dem lieben Gott dafür. Der Glaube hat sie immer getragen. "Er ist mir unendlich wichtig, anders kann ich mir mein Leben gar nicht vorstellen", sagt sie.

Auch auf ihr Ende blickt sie dank dieser Verbindung zu Gott ohne Angst. Sie möchte gerne noch eine Weile bleiben. Sie betont: "Ich lebe sehr gerne". Aber wenn es dann soweit ist, wünscht sie sich, dass sie das Sterben mutig annehmen kann. "Es liegt in Gottes Hand". Sie hat sich längst Gedanken über ihre Beerdigung gemacht. Sie möchte in ihrem Heimatdorf Langgöns beigesetzt werden, die Verse, die bei ihrer Beerdigung gelesen werden sollen, liegen schon lange bereit, sie hat sie sorgfältig ausgesucht. Sie wünscht sich, dass Pfarrer Michael Paul die Trauerfeier begleitet.

Doch noch ist es nicht so weit. Noch ist sie mitten im Leben. Seit zwei Jahren wohnt die alte Dame im Johannesstift. Sie fühlt sich sehr wohl dort, vertraut und geborgen. Es war ein bisschen, wie nach Hause zu kommen, erzählt sie. Das liegt daran, dass es ein christlich geprägter Ort ist, es hat aber auch damit zu tun, dass ihre Familie mit dem Evangelischen Schwesternhaus, das bis in die 70er Jahre dort betrieben wurde, eng verbunden war. An dem Krankenhaus hängen glückliche und traurige Erinnerungen. Sie war öfter als Patientin dort, eine ihrer Töchter ist hier geboren, ihr Ehemann hier gestorben. 1965 war das. Eine schwere Zeit. Sie war plötzlich alleine mit drei Kindern. Sie führte zunächst die kleine Druckerei in Langgöns inklusive Schreibwarenladen alleine weiter, doch als sich abzeichnete, dass der Sohn den Familienbetrieb nicht übernehmen, sondern stattdessen Pfarrer werden wollte, verkaufte sie die Firma. Nach einer kurzen Zeit als Sekretärin bei der Gießener Allgemeinen Zeitung ging sie zum religionspädagogischen Amt der evangelischen Kirche. 1978 zog sie in den Schwarzwald, um dort ein Gästehaus der Herrnhuter Brüdergemeine zu leiten. Im Ruhestand kehrte sie zunächst zurück nach Gießen, von 1993 bis 2018 lebte sie jedoch wieder im Schwarzwald. Beide Regionen sind Heimat für die Seniorin, sie fühlt sich dort zu Hause, wo sie sich Gott und lieben Menschen nahe fühlt. Eine große Rolle habe in ihrem Leben auch kirchliche Ehrenämter gespielt. Sie war Vorsitzende des Stadtverbands der Frauenhilfe und stellvertretende Landesvorsitzende, sie war im Gesamtkirchenvorstand und Mitglied der Dekanatssynode. Lieselotte Boller ist eine gläubige Frau, aber sie ist gleichzeitig auch pragmatisch und zupackend. Als sie ins Johannesstift zog, vermisste sie eine Gebetsgemeinschaft. Darüber lamentierte sie nicht, sondern ergriff die Initiative.

Heute kommen jede Woche ein Dutzend Bewohner zusammen, um sich auszutauschen. Lieselotte Boller bereitet die Andachtstexte sehr sorgfältig vor. Auf Bitten ihrer Enkelin ist sie auch dabei, ihr Leben aufzuschreiben - und staunt manchmal selbst darüber, welche Geschichten wieder zutage kommen und was sie alles erlebt hat.

Eine Pandemie war bisher noch nicht dabei. Hat sie Angst, sich zu infizieren? "Eigentlich nicht", sagt sie. "Ich habe beschlossen, dass ich das nicht bekomme", sagt sie mit einem Lächeln. Aber sie macht sich Sorgen. Um die Gesundheit ihrer Kinder, Enkel und Urenkel, um deren Zukunft. Insgeheim denkt sie, dass Corona eine Strafe ist, weil die Menschen sich so weit von Gott entfernt haben. "Ich weiß, alle sagen, dass das Unsinn ist". Aber vielleicht, so überlegt sie, ist es doch ein Wink, inne zu halten und sich auf das zu besinnen, was wirklich wichtig ist im Leben.

Ihr Leben ist begrenzter geworden im hohen Alter. Sie kann nicht mehr viel spazieren gehen, und sie hört sehr schlecht. Es ist nicht jeder Tag wie der andere, manchmal fällt ihr alles schwer, und Schwindel macht ihr zu schaffen. "Heute dachte ich schon mal, ich sterbe", sagt sie mit diesem besonderen Lächeln in den Augen. Aber dann ging es zum Glück wieder. An guten Tagen freut sie sich über das, was sie noch hat: Ihre Bücher, die Gemeinschaft im Johannesstift, den engen Kontakt zur Familie. Ihre Fürbitte für die Menschen, die sie liebt, nimmt viel Zeit in Anspruch, jeden Tag mindestens eine Stunde. Sie betet für jeden einzelnen und trägt die Bitte laut vor. Das wird sie auch heute tun, an ihrem 97. Geburtstag. Und danach freut sie sich auf ihren Apfelkuchen ohne Streusel. Und auf die Videoschaltung mit der Familie.

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