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»83 Prozent sind ein Statement«

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Sophie Rohnke, (v. l.) Aron Heinhold, Jona Schütze und Jorma John bekommen mit Patin Nicola Beer und Schulleiterin Annette Greilich das Schild von Sabrina Becker überreicht. © Lea Seitz

Gießen (lea). »Ich setze mich dafür ein, dass meine Schule nachhaltige Projekte, Aktionen und Veranstaltungen durchführt, um Diskriminierungen, insbesondere Rassismus, zu überwinden.« So lautet der erste von drei Sätzen einer Selbstverpflichtung. Um zu einer »Schule ohne Rassismus« zu werden, muss sie von mindestens 70 Prozent der Schulmitglieder unterschrieben werden.

In der Wirtschaftsschule am Oswaldsgarten waren es 83 Prozent.

»83 Prozent sind ein Statement«, betont Nicola Beer, die den Eintritt der Schule ins Netzwerk als Patin unterstützt. Sie ist Mitglied im Europäischen Parlament, dessen Vizepräsidentin und Sonderbeauftragte für die Bekämpfung von Diskriminierung aufgrund der Religion. Sie sagt: »Ich bin dankbar und stolz, Patin für diese Schule zu sein!«

Damit ist die Wirtschaftsschule am Oswaldsgarten nun eine von 3800 »Schulen ohne Rassismus« mit zwei Millionen Schülerinnen und Schülern bundesweit. Das Netzwerk von Schulen, die sich aktiv gegen Diskriminierung einsetzen, existiert seit 1995.

Die Landeskoordinatorin des Netzwerkes, Sabrina Becker, betont bei der Übergabe des Schildes »Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage«, dass dies der eigentliche Startschuss für das Projekt sei. »Jetzt sorgt ihr dafür, das Projekt mit Leben zu füllen«, wendet sie sich an die Schulgemeinschaft. Das Schild bedeute nicht, dass es keinen Rassismus mehr geben werde, sondern stehe für die Bereitschaft, nicht wegzuschauen und sich im Ernstfall Hilfe zu holen. Auch ein kritisches Auseinandersetzen mit der eigenen Person gehöre dazu. Dass in dieser Schule mit Jugendlichen aus 35 Herkunftsländern Vielfalt eine große Rolle spielt, wird auch während des Programms rund um die Verleihung des Schildes klar. Es wird abgerundet mit einer Performance, in der die Schülerinnen und Schüler in verschiedenen Muttersprachen erklären, was für sie Courage und Toleranz bedeuten. Ein weiterer Schüler hat ein Video zu dem Lied »Baraye« geschnitten, der inoffiziellen Hymne der Proteste in Iran. Darin sind auch Aufnahmen der Demonstrationen in Gießen zu sehen. Durch das Programm führt Eleni Sengkergki. »Ich finde es toll, dass wir dabei sind!«, sagt die Schülerin der 13. Klasse. »Ich bin selbst keine Deutsche und finde es super, dass wir uns engagieren können«.

Beeindruckt von Israel-Austausch

Am Ende der Veranstaltung präsentieren Elftklässler eine Fotowand mit Bildern ihres gerade erlebten Austauschs mit Israel, der erstmalig an der Wirtschaftsschule am Oswaldsgarten organisiert wurde. Besonders beeindruckend fanden die acht Schülerinnen und Schüler das Zusammenleben der Religionen in Israel. Im Rahmen des Jerusalem-Besuches war die Gruppe auch in der Gedenkstätte Yad Vashem. Man erfahre zwar in Deutschland viel über den Holocaust, aber es sei etwas anderes, als Vertreter des eigenen Landes vor Ort zu sein, sagt Sophie Rohnke. »Es wird noch einmal bewusster: Ich habe eine Verantwortung, dass das nie wieder passiert.« Schulleiterin Annette Greilich kritisiert, dass es keine nennenswerten Zuschüsse für Schulfahrten nach Israel gebe: »Das finde ich peinlich für einen Staat, der den Holocaust verursacht hat!«

Die Wirtschaftsschule am Oswaldsgarten wird dieses Jahr 100 Jahre alt. »Früher hieß die Schule Friedrich-Feld-Schule«, erzählt Greilich. Das ist der Name des Mannes, der ab dem Jahr 1923 Rektor dort gewesen ist. Durch Recherchen mithilfe des Stadtarchivs sei 2015 herausgekommen, dass Feld in seinen Schriften ein aktiver Unterstützer der Nationalsozialisten gewesen sei. 2016 wurde die Schule deswegen in »Wirtschaftsschule am Oswaldsgarten« umbenannt. »Für mich schließt sich heute mit der Benennung zur ›Schule ohne Rassismus‹ der Kreis der Aufarbeitung«, erklärt Greilich.

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