2009 stehen Lagerhallen der Firma Sommerlad in Krofdorf-Gleiberg im Vollbrand.
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2009 stehen Lagerhallen der Firma Sommerlad in Krofdorf-Gleiberg im Vollbrand.

75 Jahre GAZ

Von Flammeninfernos und Jahrhundertfluten: Katastrophen im Landkreis Gießen

  • Thomas Brückner
    vonThomas Brückner
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Brände, Stürme und Überflutungen - auch das Gießener Land blieb in den letzten 75 Jahren von Katastrophen nicht verschont. Meist waren Naturgewalten die Ursache.

Eine gewaltige Rauchsäule, die man kilometerweit sehen konnte, stand über den Dächern des sonst stillen Dörfchens, Sirenen heulten, aus Gießen und Butzbach brausten Löschfahrzeuge heran, weinende Frauen schleppten Bettzeug und Hausrat aus ihren Häusern. Hinter ihnen schlugen die Flammen in den Himmel.« Mit diesen Worten fasste der Berichterstatter dieser Zeitung zusammen, was sich am 8. Oktober 1959 in Bettenhausen ereignet hatte und vom Ausmaß her die größte Brandkatastrophe nach dem Krieg gewesen sein dürfte.

Am Morgen war in einem Gehöft in der Kirchgasse ein Brand ausgebrochen. Und nicht lange, und das ganze Viertel zwischen Kirchgasse und Siebenhäusergasse stand lichterloh in Flammen. Aus dem Inheidener See wurde Wasser herangeschafft, sogar Jauchegruben wurden zum Löschen leer gepumpt. 280 Feuerwehrleute kämpften gegen das Inferno an. Am Ende mussten die Bewohner des heutigen Licher Stadtteils diese Bilanz ziehen: neun Scheunen und ein Wohnhaus völlig niedergebrannt, weitere Häuser beschädigt. Vor allem: Bei Aufräumarbeiten war ein Mensch zu Tode gekommen.

Juli 1966: »Eerheerende Hochwasserkatastrophe, wie es seit Menschengedenken nicht der Fall war«

Nur Sachschäden, aber in Millionenhöhe, richtete sieben Jahre später die »Jahrhundertflut« im Lumdatal an: Von einer »verheerenden Hochwasserkatastrophe, wie es seit Menschengedenken nicht der Fall war«, schrieb die Allgemeine am 20. Juli 1966. Tags zuvor war ein Unwetter mit riesigen Niederschlagsmengen über der Region niedergegangen.

Die schwersten Schäden gab es in Kesselbach. Dort, so Zeitzeuge Willi Mönecke, stand das Wasser anderthalb Meter hoch in der Straße. 100 Festmeter Langholz vom Sägewerk nahmen »reißaus«, und beim Blick aus dem Fenster sah er Nachbars Hasen in ihrem Kasten davonschwimmen. Ziel: unbekannt. Feuerwehren, THW, Polizei und Bundeswehr eilten zu Hilfe. Eine Frau musste vom Dach einer Mühle zwischen Treis und Allendorf gerettet werden.

Eine »Jahrhundertflut« trifft 1966 das Lumdatal. Am schlimmsten ist Kesselbach betroffen.

Welche Gewalt die zum reißenden Strom gewordenen Bäche hatten, zeigte sich v.a. an den zerstörten Brücken und Straßen. Geschätzter Schaden: drei Millionen Mark. Das Hab und Gut, die Schäden an Häusern und Grundstücken seien da »nur annähernd erfasst«, merkte unser Chronist an.

Hamsterkäufe nach Verdacht auf Ausbruch der Maul- und Klauenseuche in Krofdorf-Gleiberg

Zwar kein Anlass zur Ausrufung des Katastrophenfalls, so war es für die Betroffenen dennoch bitter: Am 3. April 2001 wurden in Krofdorf-Gleiberg bei Schafen Verdachtsfälle auf Maul- und Klauenseuche festgestellt. Eine Herde wurde sofort getötet, eine weitere in der Nachbargemeinde folgte.

Die Behörden riegelten Krofdorf-Gleiberg sofort ab, mit Desinfektionsschleusen sollte eine Weiterverbreitung der mutmaßlichen Seuche verhindert werden. Über 800 Feuerwehrleute waren eingebunden. Was einem irgendwie bekannt vorkommt: Aus Angst, länger »eingesperrt« zu sein, kam es zu Hamsterkäufen. In Wißmar kaufte ein Kunde 72 Liter H-Milch auf einmal.

Nach drei Tagen aber Entwarnung, der Verdacht hatte sich nicht bestätigt. Unklar blieb, woran die Schafe gelitten hatten. In der Bundesforschungsanstalt (Tübingen) war nur eine Untersuchung auf Maul- und Klauenseuche möglich. Für eine Differenzialanalyse hätten Proben in andere Labors gebracht werden müssen - das Risiko, den Erreger so weiterzuverbreiten, erschien zu hoch.

Sturm »Kyrill« richtet am 18. Januar 2007 auch Schäden im Landkreis Gießen an

Mehrfach war die Region von schweren Stürmen betroffen. Den größten Schaden richtete am 18. Januar 2007 »Kyrill« an. Im Kreis Gießen lagen rund 170 000 Festmeter am Boden. Der Orkan deckte Dächer ab, darunter das am AWO-Altenheim in Lollar, ließ in Londorf den Schlauchturm aufs Gerätehaus stürzen, sorgte für Überflutungen und Straßensperrungen wegen umgestürzter Bäume.

2009 stehen Lagerhallen der Firma Sommerlad in Krofdorf-Gleiberg im Vollbrand.

Im nördlichen Ostkreis fiel der Strom aus, auch in Rüddingshausen und Weitershain. Hinzu kam dort: Alle Zufahrtsstraßen waren blockiert, beide Dörfer 20 Stunden von der Außenwelt abgeschnitten waren. Zum Glück gab es keinen medizinischen Notfall.

Ein Brand mit Millionenschaden und ein Tornado in Lumda mit 84 beschädigten Gebäuden

Es war gewiss nicht der dramatischste Brand, denkt man an die vielen Todesfälle infolge von Feuersbrünsten seit 1946, doch einer der spektakulärsten: Am 1. Juli 2009 gingen in Krofdorf-Gleiberg zwei 6000 Quadratmeter große, mit Polstermöbeln und Küchen prall gefüllte Hallen der Fa. Sommerlad in Flammen auf, die Rauchsäule war kilometerweit zu sehen. Sachschaden: rund sechs Millionen Euro.

Am 23. August 2010 verdunkelte sich auch der Himmel über Grünberg. Doch nicht Feuer war die Ursache: Gegen 18.30 Uhr zog ein Tornado in südöstlicher Richtung übers Land, tankte auf seinem Weg parallel zur A 5 neue Kraft, um in Lumda mit voller Wucht zuzuschlagen. Eine Frau zu unserem Reporter: »Plötzlich kam Sturm auf, Vögel wirbelten wie Laub durch die Luft.« Zum Glück hatte es geregnet, kaum jemand war im Freien, und so wurde niemand verletzt.

Auch nicht jene Männer, die an der Kirche gerade das Zelt vom Pizza-Fest abgebaut hatten, vorm Regen ins Haus »geflohen« waren. Zum Glück: Ein schwerer Dachsparren war 15 Meter durch die Luft gewirbelt und gegen eine Hauswand geschleudert worden. Der Tornado der Klasse F 2/T 5 dauerte nur Sekunden, doch es reichte, um einen Millionenschaden anzurichten. 84 Anwesen wurden beschädigt, auch viele Wohngebäude - acht davon schwer.

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