Umweltschützer demonstrieren 2020 gegen den Ausbau der A49. Das Konzept Autobahn hält Jaspar Reimann von Fridays for Future für nicht zukunftsorientiert.
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Umweltschützer demonstrieren 2020 gegen den Ausbau der A49. Das Konzept Autobahn hält Jaspar Reimann von Fridays for Future für nicht zukunftsorientiert.

75 Jahre GAZ

Startbahn West, Stillung von Bahnstrecken, Radfahrerdemos und A49-Ausbau: Der Kampf um Hessens Verkehrswege

  • vonSebastian Schmidt
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Verkehrsentwicklung ist ein umkämpftes Gebiet, gerade in Hessen. Es geht um schnellere Verkehrswege, weniger Staus, besseren Warentransport. Aber auch um das Abholzen von Wäldern, Lärmbelästigung, Umweltverschmutzung. Proteste richten sich dabei nicht nur gegen den Bau neuer Verkehrswege, sondern auch gegen die Stilllegung vorhandener.

Hessen gilt wegen seiner zentralen Lage in Deutschland als wichtiges Transitland. Um den Bedarf an Verkehrswegen zu befriedigen, bietet das Bundesland heute mehr als 17.000 Kilometer Autostraßen, rund 2800 Schienenkilometer und zwei Verkehrsflughäfen. Über Bau, Erweiterung und Stilllegung von Verkehrswegen wird aber immer wieder gestritten. Schon vor Fridays for Future (FFF) gab es Bürgerinitiativen, Demonstrationen und Protestcamps. Der größte und gleichzeitig gewalttätigste Widerstand in der Geschichte Hessens richtete sich gegen den Bau der »Runway 18«, besser bekannt als: Startbahn West.

Von den Protesten gegen die Startbahn West zu Fridays for Future

70 Millionen Passagiere und zwei Millionen Tonnen Fracht im Jahr 2019 - der Flughafen Frankfurt gehört zu den größten Europas. Laut Betreiber Fraport ist der Flughafen mit seinen 81.000 Arbeitsplätzen zudem der größte Arbeitgeber Deutschlands. Ohne den Bau der Startbahn West in den 1980ern wäre das heutige Flugverkehrsaufkommen nicht zu stemmen. Aus damaliger Sicht waren die wirtschaftlichen Konsequenzen des Ausbaus aber für viele noch nicht zu sehen, erzählt Dirk Treber (Die Grünen). Treber engagierte sich als Nachbarskind des »Umweltpfarrers« Kurt Oeser in Mörfelden von Anfang an in der Protestbewegung und sagt: »Damals war die Globalisierung erst am Anfang.« Dass so viele Menschen in den Urlaub fliegen wie heute, daran habe man in den 1970ern noch nicht gedacht. Treber erklärt, dass die Anwohner den Bau von der Politik als aufgezwungen empfunden haben. »Die Bürger haben sich in ihrem demokratischen Bewusstsein verletzt gefühlt.« Was daraus ab den 70er Jahren folgte, waren Gerichtsprozesse, Bürgerinitiativen, Demonstrationen, aber auch: zwei Morde. Auf einer Demonstration im November 1987, nachdem der Bau längst abgeschlossen war, erschoss ein Demonstrant zwei Polizisten und verletzte sieben weitere. Die Startbahn West war da bereits seit April 1984 in Betrieb.

Polizisten und Gegner der Startbahn West geraten 1981 aneinander.

»Die Deutschen sind Reiseweltmeister«, sagt Treber. Es freut ihn, dass der Klimaschutz heute trotzdem eine zentrale Frage ist. »Fridays for Future stimmt mich hoffnungsvoll.« Die meist jugendlichen Umweltschützer versuchten 2020, den Ausbau der A49 durch den Dannenröder Forst zu verhindern. Bereits 1975 geplant, soll die Autobahn Kassel mit Gießen verbinden und letztlich bis nach Gemünden (Felda) verlaufen. »Vor 40 Jahren ist die Planung vielleicht sinnvoll gewesen«, sagt Jaspar Reimann aus der »Danni-Taskforce« von FFF. Dass trotz der aktuellen Diskussion um den Klimawandel an dem Bauvorhaben festgehalten wurde, ist für ihn aber unverständlich.

Seit 1994 mehr als 284 Schienenkilometer in Hessen stillgelegt

»Irgendwo fünf Minuten schneller hinzukommen, ist es nicht wert, den Wald abzuholzen«, sagt Reimann. Aber gibt es denn keinen Bedarf für die Autobahn? Reimann sagt, er kenne die Lage, er habe selbst sechs Jahre in Marburg gelebt. »Wir mussten oft eine Stunde durch die Dörfer fahren, um nach Kassel zu kommen.« Trotzdem sei die Autobahn nicht zukunftsorientiert. Besser hätte Reimann es gefunden, den Schienenverkehr auszubauen. Und auch wenn der Bau der Autobahn letztlich nicht verhindert wurde, aufgeben wolle FFF nicht. »Wir werden den Protest aus Hessen nach ganz Deutschland tragen«, sagt Reimann.

Zu der Idee, den Schienenverkehr auszubauen, passt es nicht, dass in Hessen fortlaufend Bahnstrecken gestrichen werden. Seit 1994 wurden laut Eisenbahnbundesamt mehr als 284 Schienenkilometer in Hessen stillgelegt. Als in die alte Vogelsbergbahn, die Glauburg-Stockheim und Lauterbach verband, zum letzten Mal Passagiere einstiegen, demonstrierten in Herbstein viele Menschen, wie diese Zeitung am 29. September 1975 berichtete. »Dabei war der Bahnhof sehr unbeliebt«, erzählt Michael Ruhl, der Vorsitzende des Herbsteiner Geschichtsvereines. Die Herbsteiner seien in Bezug auf die Stilllegung zwiegespalten gewesen. »Der Bahnhof stand symbolisch für den Anschluss des Landes an die Stadt.« Gleichzeitig ärgerte man sich aber über die Lage des Bahnhofes. »Er war ein ganzes Stück außerhalb von Herbstein, man musste fast zwei Kilometer hinlaufen.« Deswegen hatten sich laut Ruhl die Herbsteiner schnell damit arrangiert, dass keine Bahn mehr fuhr.

Bürger in Herbstein verzögern 1975 die Abfahrt des letzten Personenzuges.

Heute gehen auch die Fahrradfahrer auf die Barrikaden

Ruhl sagt: »Die Arbeiter wurden dann vom Betriebsbus direkt in Herbstein abgeholt.« Das sei als Verbesserung empfunden worden. »Die ökologischen Folgen hatte man nicht im Kopf.« Heute sei die Situation ganz anders. In den 1970ern hatten nicht so viele Menschen ein Auto. Da war der Zug für die Mobilität wichtig, sagt Ruhl. »Jetzt bekommt jeder zum Abi ein Auto. Sonst bist du auf dem Land aufgeschmissen.«

Entlang der alten Zugstrecke verläuft heute der Vulkanradweg. Und auch die Fahrradfahrer gehen bisweilen auf die Straße, um zu demonstrieren. Bekannt sind die Critical-Mass-Demonstrationen, mit denen Fahrradfahrer für einen besseren Radverkehr protestieren. 2012 gingen Radler jedoch auf die Straße, um das geplante Waldgesetz zu verhindern. Es sah vor, dass man nur noch auf Waldstrecken Fahrrad fahren durfte, die auch für Autos freigegeben waren. Viele kleine Waldwege wären tabu gewesen. In Kassel gingen 500 Fahrradfahrer auf die Barrikaden - mit Erfolg. Der Gesetzesentwurf wurde verändert.

Fahrradfahrer protestieren 2012, weil sie auf vielen Waldwegen nicht mehr fahren sollen.

Die Verkehrswende gewinnt mit Verschärfung der Klimakrise weiter an Bedeutung

Der Geschäftsführer des ADFC Hessen, Norbert Sanden, sagt: »Es ist selten, dass wir mit unseren Forderungen auf massiven Widerstand stoßen.« Oft würde es nur um Details gehen, und die würde der ADFC eher in Hintergrundgesprächen als auf der Straße klären. Sanden sieht den Radverkehr dabei auf einem Erfolgskurs: »Was wir vor zehn Jahren vorgeschlagen haben, ist heute in der Politik angekommen.«

Mit zunehmender Klimakrise wird die Verkehrswende in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen; Demonstrationen und Proteste werden sicher auch weiterhin dazugehören - egal, um welches Verkehrsmittel es gehen wird.

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