Anfang der 1970er Jahre füllt die Gebietsreform die Zeitungsseiten. Nicht immer geht die Fusion vorher selbstständiger Gemeinden reibungslos vonstatten,
 manche Entscheidung muss revidiert werden.
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Anfang der 1970er Jahre füllt die Gebietsreform die Zeitungsseiten. Nicht immer geht die Fusion vorher selbstständiger Gemeinden reibungslos vonstatten, manche Entscheidung muss revidiert werden.

75 Jahre GAZ

Partnerwahl mit Hindernissen: So lief dieGebietsreform im Landkreis Gießen in den 1970er Jahren

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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85 selbstständige Gemeinden bilden 1970 den Landkreis Gießen. Dann kommt die Gebietsreform und mit ihr ein Jahrzehnt, das die Landkarte verändert.

Das schwarz-weiße Foto aus dem Archiv der Gießener Allgemeinen lässt heute eher Schmunzeln: Es zeigt ein Ortsschild mit der Aufschrift »Hungen, Stadtteil Langsdorf«. 1972, als das Schild erst auf- und später wieder abgebaut wurde, hielt sich die Heiterkeit in Grenzen. Vor einem halben Jahrhundert erhitzte die Gebietsreform die Gemüter. Langsdorf ist eines von etlichen Beispielen, bei denen die Fusion nur unter Schmerzen vonstatten ging.

Landespolitik ködert die Gemeinden mit viel Geld - vor allem, wenn es schnell geht

Zu Beginn des Jahres 1970 gehörten zum Landkreis Gießen 85 selbstständige Gemeinden. Die meisten waren zu klein, um aus eigener Kraft eine effektive Verwaltung und eine moderne Infrastruktur auf die Beine stellen zu können. Eine Gebietsreform musste her. Deren Prinzip lautete Freiwilligkeit, wie Ministerpräsident Georg August Zinn 1967 in einer Regierungserklärung erläuterte: »Es wird Sache der Gemeinden sein, sich zunächst selbst untereinander über die zweckmäßigste Form ihrer Zusammenarbeit zu verständigen.« Um die Sache zu beschleunigen, lockte das Land mit finanzieller Förderung. Je eher sich die Gemeinden handelseinig wurden, desto üppiger floss der Geldstrom aus Wiesbaden. Für die Verhandlungen gab es einen Rahmen. Der Kreisentwicklungsplan von 1968 nahm die heutige Gliederung des Kreises grob vorweg. Er enthielt Vorschläge zur Bildung von neun Großgemeinden mit so poetischen Namen wie »Altes Waldrevier« (Laubach) oder »Am Pfahlgraben« (Pohlheim). Kleinere Einheiten wie Fernwald, Linden oder Allendorf/Lumda mit nur zwei oder drei Ortsteilen waren damals nicht vorgesehen.

Zurück zum Beispiel Langsdorf. Der Kreisentwicklungsplan nahm die künftige Zugehörigkeit des traditionellen Bauerndorfes schon vorweg. Es sollte der Großgemeinde »Wettertal« mit Lich als zentralem Ort zugeordnet werden. Aber die Langsdorfer Gemeindevertreter hatten andere Pläne als die Herrschaften in Wiesbaden. Einer, der die Kämpfe damals miterlebt hat, ist der SPD-Mann Günter Block. Der langjährige Langsdorfer Ortsvorsteher stand Anfang der 1970er Jahre am Beginn seiner kommunalpolitischen Laufbahn und mit ihm einer, der es noch weit bringen sollte, der spätere hessische Finanzminister Karl Starzacher.

Anfang der 1970er Jahre füllt die Gebietsreform die Zeitungsseiten. Nicht immer geht die Fusion vorher selbstständiger Gemeinden reibungslos vonstatten, manche Entscheidung muss revidiert werden.

Das Beispiel Langsdorf und ein Silvesterstreich von jungen SPD-Politikern

Wie Block sich heute erinnert, hatte sich die alte Langsdorfer Gemeindevertretung für den Zusammenschluss mit Hungen ausgesprochen. »Der dortige Bürgermeister hatte viel versprochen«, sagt er trocken. Dessen Licher Gegenpart, der gestrenge SPD-Mann Konrad Hannes, sei wohl weniger entgegenkommend gewesen. Jedenfalls stimmten die Gemeindevertreter dem vereinbarten Grenzänderungsantrag mit Hungen am 17. Juli 1971 zu. Zum Jahresende 1971 wurden die Gemeindeakten geschlossen und neue Ortsschilder aufgestellt. Doch die Altvorderen hatten die Rechnung ohne eine Riege junger Sozialdemokraten gemacht, die die Eingliederung nach Hungen absurd und Lich viel näherliegend fanden. Da musste man schließlich immer durch, wenn man nach Gießen wollte. Noch heute erinnert sich Block gerne an einen Streich in der Silvesternacht 1970, als er und seine Genossen selbst gebastelte Plakate über das frisch aufgestellte Ortsschild hängten. Aufschrift: »Schilda, Landkreis Schildbürgen«. Bilder von dieser nächtlichen Protestaktion gebe es leider nicht, bedauert Block. »Damals gab es noch keine Handys.« Aber bei der Landesregierung fanden die jungen Langsdorfer Rebellen Gehör. Wiesbaden legte ein Veto gegen den Zusammenschluss mit Hungen ein. Begründung: Diese Fusion entspreche nicht den Zielen des Modellplans. Langsdorf blieb vorerst selbstständig.

Als im Herbst 1972 eine neue Gemeindevertretung gewählt wurde, eroberten die Sozialdemokraten fünf Sitze. Günter Block, Walter Fay, Ernst Kühn, Karl Starzacher und Friedrich Wilhelm Trechsler hatten nun den Hebel in der Hand, um doch noch die Weichen Richtung Lich zu stellen.

Von Bürgerinitiativen, Protestens - und geräuschlosen Vereinigungen

Wer in den alten Zeitungsbänden blättert, stößt immer wieder auf solche Geschichten. In Leihgestern gründet sich eine Bürgerinitiative, die vehement gegen den Zusammenschluss mit Großen-Linden opponiert. Auch die Gemeinde Fernwald wird unter Schmerzen geboren. Die Anneröder wollen lieber nach Gießen und die Albacher nirgendwohin. »Nicht mit Steinbach, nicht mit Lich. Wenn wir kein Geld mehr haben, gehen wir zum Versorgungsamt«, lautet die Parole auf einer Bürgerversammlung. Letztlich sollte ein Jahrzehnt ins Land gehen, bis die Gebietsreform nach vielen Turbulenzen, einigen Misserfolgen und dem Lahnstadt-Debakel im Jahr 1979 endlich abgeschlossen war.

Vielerorts vollzog sich der Zusammenschluss aber auch weitgehend geräuschlos. Mit der Gründung der Großgemeinden Grünberg, Hungen, Laubach, Lich, Pohlheim und Reiskirchen kam zur Jahreswende 1970/71 die erste große Welle ins Rollen. Die Vorreiterrolle allerdings fiel Londorf und Kesselbach zu. Sie hatten sich bereits am 1. Oktober 1970 zu Rabenau vereint, der ersten Großgemeinde im Landkreis Gießen. Noch schneller waren 1967 Heuchelheim und Kinzenbach gewesen, aber die gehörten damals zum Landkreis Wetzlar und stießen, wie Biebertal und Wettenberg, erst am 1. August 1979 zum Landkreis Gießen, der nach der Auflösung der Stadt Lahn und des Lahn-Dill-Großkreises seine heutige Gestalt annahm.

Das widerspenstige Langsdorf wurde mit der letzten Welle der Zusammenschlüsse am 1. Januar 1977 in die Stadt Lich eingegliedert. Freiwillig und auf Basis eines Antrags, den die Sozialdemokraten bereits 1974 in der Gemeindevertretung durchgesetzt hatten. Günter Block hat die Geschicke seines Heimatdorfes seit dem Wahlsieg 1972 ununterbrochen begleitet. Jetzt, im Alter von 77 Jahren, macht er Schluss mit der Kommunalpolitik. Sein Fazit fällt positiv aus: »Rückblickend kann man sagen, dass wir mit Lich gut gefahren sind.«

Neun Großgemeinden

Lahntal, Unteres Lumdatal. Busecker Tal, Rabenau, Vorderer Vogelsberg, Altes Waldrevier, Horlofftal, Wettertal und Am Pfahlgraben: Der Kreisentwicklungsplan vom März 1968 sah neun Großgemeinden vor und ließ sich bei der Namensgebung geografisch inspirieren. Es sollte noch mehr als ein ganzes Jahrzehnt ins Land gehen, bis der Landkreis Gießen nach vielen Turbulenzen seine heutige Gestalt angenommen hatte. 

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