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Die 1968 gebaute Mittelpunktschule Lollar - heute Clemens-Brentano-Europaschule.

75 Jahre GAZ

Hessische Schulreform: Das Verschwinden der Volksschulen im Gießener Land

  • Rüdiger Soßdorf
    VonRüdiger Soßdorf
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Die hessische Schullandschaft geriet in den 1960er Jahren heftig in Bewegung. Die umstrittene Reform des Schulwesens brachte unter anderem den Bau von Mittelpunkt- und Gesamtschulen mit sich.

Meine Grundschule in einem Dorf in Mittelhessen war klein. Auf etwas mehr als 600 Einwohner kamen bei der Einschulung 1972 gerade mal 50 Schüler - und mein Jahrgang war mit 14 Kindern einer der stärkeren. Das erste und zweite Schuljahr wurden von einem Lehrer gemeinsam in einem Klassensaal unterrichtet, die Jahrgangsstufen drei und vier im Saal nebenan.

In jedem Dorf eine Schule

Jahrgangsübergreifender Unterricht mit groß angelegtem pädagogischen Konzept? Mir ist vielmehr ein ganz pragmatischer Ansatz in bester Erinnerung: Während der Lehrer dem einen Jahrgang etwas beibrachte, war der andere mit Stillarbeit beschäftigt. War man fertig, hörte man bei den anderen mit zu. Das war das Mitlernen bei den Älteren oder eben Wiederholen des Stoffs aus dem Jahr zuvor.

Eine Sporthalle gab es übrigens auch nicht. Im Winter ging es zu Fuß ins nahe Dorfgemeinschaftshaus zum Turnen, im Sommer in den Schulgarten oder auf den Hof. Bei Regen fiel Sport aus, stattdessen gab es eine Extra-Einheit Rechnen. Mit Mengenlehre - damals gerade topmodern. 1978 fand das Idyll ein Ende, die Schule wurde geschlossen, Die Kinder fuhren mit dem Bus in den Nachbarort.

Reform des hessischen Schulssystems seit MItte der 1960er Jahre

Zu diesem Zeitpunkt liefen die Reformen im hessischen Schulsystem schon seit über einem Jahrzehnt. Seit Mitte der 1960er Jahre vollzog sich der Umbau der tradierten Volksschulen in den Dörfern. Sie wurden infolge vielfach zu reinen Grundschulen, teils auch mit Förderstufen für die Klassen fünf und sechs. Neu waren die damals gebildeten und neu gebauten Mittelpunktschulen für Haupt- und Realschüler, teils auch mit angegliederter Grundschule - und das wenig später damit verbundene Gesamtschulsystem.

Schüler in Kinzenbach in den 1960er Jahren mit Lehrer Friedrich Adam. - Das Bild unten zeigt die Wilhelm-Leuschner-Schule in Heuchelheim bei ihrer Fertigstellung 1964: Gebaut als Grund- und Volksschule, wurde sie wenig später Grundschule mit Förderstufe und ist heute Grundschule.

Solche Mittelpunktschulen entstanden beispielsweise in Allendorf/Lumda am Kinnwald (heute Gesamtschule Lumdatal), in Reiskirchen, in Hungen oder in Lollar (heute Clemens-Brentano-Europa-Schule). Der Ansatz seinerzeit: 150 bis 200 Schüler pro Jahrgang, erinnerte der frühere Leitende Schulamtsdirektor Gustav Ludwig (†) im Jahr 2006 an die Zeit des Umbruchs. Dies um anfangs einen Realschulzug mit zu etablieren und eben später die entsprechende Stärke für einen Gesamtschulbetrieb zu haben. Die Verlängerung auf neun Volksschuljahre war Mitte der 1960er ein weiterer Schritt der Schulreform. An etlichen Grundschulen wurden Förderstufen (Klassen 5 und 6) eingeführt, so beispielsweise in Heuchelheim und in Krofdorf. Dorthin gingen dann die Kinder aus Launsbach und Wißmar ab der fünften Klasse.

Zur weiterführenden Schule ging es ab den späten 1960ern zur Mittelpunktschule, oftmals ein paar Dörfer weiter. Vorbei war es für viele mit dem Schulweg zu Fuß. Bus fahren war angesagt.

Umbau zu flächendeckenden Mittelpunkt- und Gesamtschulen unter Führung eines Wieseckers

Dem flächendeckend in Hessen in den 1960er und 1970er Jahren von der damaligen sozial-liberalen Landesregierung ausgerollten Konzept der Mittelpunkt- und Gesamtschulen lag die Idee zugrunde, den ländlichen Raum zu stärken, indem Bildungsstrukturen modernisiert werden. Das Ziel: Gleiche Bildungschancen in Stadt und Land zu schaffen.

Kultusminister war von 1969 bis 1974 Ludwig von Friedeburg, Ministerpräsident war der Wiesecker Albert Osswald. Bereits 1965 wurde die Schulreform über den von Ministerpräsident Georg-August Zinn initiierten »Großen Hessenplan« vorangetrieben. Darüber standen Gelder für den Bau der Mittelpunktschulen bereit.

Reform des Schulwesens war heftig umstritten

Das alles vollzog sich nicht ohne Kritik. Die Neuerungen im System mochte nicht jeder: Die Reformen des Schulwesens waren heftig umstritten, insbesondere die angestrebte Umwandlung der weiterführenden Schulen in Gesamtschulen mit Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems und die Abschaffung des Schulfachs Geschichte zugunsten von Gesellschaftslehre. Die CDU kritisierte vehement die linke Kultuspolitik des Sozialdemokraten Friedeburg in Hessen, Eltern protestierten gegen die Idee, das gegliederte Schulsystem zugunsten der Gesamtschule abzuschaffen. Dem späteren Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) wird das Zitat zugeschrieben: »Ludwig von Friedeburg hat der CDU wahrscheinlich mehr Mitglieder zugetrieben als jeder andere.« Letztlich standen und stehen Gesamtschulen und das dreigliedrige Schulsystem nebeneinander - heute auch wieder in Stadt und Landkreis Gießen.

Noch einmal der beispielhafte Blick in zwei der vielen Dörfer, die die Volksschule verloren, Launsbach und Heuchelheim: Mit dem Schuljahr 1969/70 kam das Ende der Launsbacher Volksschule. 1969 ging die Schulträgerschaft von selbstständigen Gemeinden auf die Landkreise über. Die Volksschule wurde 1970/71 eine vierklassige Grundschule, die sie heute noch ist. Gleiches vollzog sich auch in den Nachbarorten Krofdorf-Gleiberg und Wißmar. Wenig später nahm die neu gebaute Wettenbergschule (heute Gesamtschule Gleiberger Land) ihren Betrieb als weiterführende Schule für die Gemeinden auf. In Heuchelheim war erst 1964 eine neue Grund- und Volksschule auf dem Geiersberg eingeweiht worden. 1970 kam es zur Einführung der Förderstufe. Bis Mitte der 70er Jahre wurden die Klassen 7 bis 9 der Hauptschule »abgebaut«; die Schüler übernahm die Herderschule in Gießen.

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