75 Jahre Gießener Allgemeine Zeitung

Dorfgemeinschaftshäuser: Aus „Burgen des Friedens“ werden „Häuser der Stille“

  • Burkhard Bräuning
    vonBurkhard Bräuning
    schließen

Es war eine kühne Idee, und sie kam zur rechten Zeit. Sie hatte zwar nur einen schlichten Namen: „Hessenplan“. Aber sie eröffnete den Menschen auf dem Land neue, ungeahnte Möglichkeiten.

Sechs Jahre nach dem Ende des Krieges präsentierte der damalige hessische Ministerpräsident Georg August Zinn ein umfassendes Entwicklungsprogramm für Wohnen, Soziales, Kultur, Bildung, Wirtschaft und Verkehr. In seiner Regierungserklärung sagte Zinn, man werde sich gezielt auch den sozialen Problemen der Dörfer annehmen. Und das war dringend notwendig.

Rückständig im Sinne von provinziell oder gar hinterwäldlerisch waren die Menschen auf dem Land nicht. Aber es fehlte an vielen Dingen, die man in den großen Städten schon lange kannte. Insbesondere im Bereich soziale Fürsorge und Kultur gab es Nachholbedarf. Und so starteten Zinn und sein Kabinett das Programm »Soziale Aufrüstung des Dorfes« als Teil des Hessenplans. Grundpfeiler des Plans war der Bau von Dorfgemeinschaftshäusern. Und die nannte der damalige Wirtschaftsminister Heinrich Fischer »Burgen des Friedens«. Der SPD-Politiker und sein Ministerialreferent Kurt Kuhnmünch starteten 1952 eine Werbetour durchs Hessenland - und gewannen schnell das Vertrauen vieler Dorfbewohner. Schon bald gingen in zahlreichen hessischen Kommunen die Menschen ans Werk. Anpacken mussten und wollten sie schon, denn sie bekamen kein schlüsselfertiges Clubhaus ins Dorf gestellt.

DGH Stockhausen wird das erste im Kreis Gießen - und das dritte in Hessen

Das Dorfgemeinschaftshaus in Stockhausen war das erste im Kreis Gießen und das dritte in Hessen. Dabei war das Dorf im Seenbachtal eine der kleinsten Gemeinden im Hessenland, hatte damals rund 300 Einwohner. Es war der engagierte Bürgermeister Adolf Jochim, der 1952 die Chancen des Hessenplans für sein Dorf erkannte und nutzte. 1953 begannen die Bauarbeiten. Große Maschinen gab es nicht. Hacke, Schippe, Maurerkelle, Zimmermannshammer, viel Geschick und noch mehr allgemeine Begeisterung reichten aus, um das Projekt in einer unglaublichen Geschwindigkeit voranzutreiben. Im Herbst 1953 wurde Richtfest gefeiert, im April 1954 das Haus seiner Bestimmung übergeben. Das Dorf feierte ein Fest, wie es nie zuvor in Stockhausen eines gegeben hatte. Prominente kamen, Bewohner der umliegenden Dörfer strömten in die Seenbachtalgemeinde, und der Hessische Rundfunk rückte mit dem Intendanten und einigen Stars der 1950er Jahre an. Der damals noch junge Hans-Joachim Kulenkampff (den alle nur Kuli nannten), eroberte mit Charme und Humor die Herzen der Stockhäuser.

Was die Politiker in Wiesbaden sich erhofft hatten, trat ein. Das Haus war schnell der Mittelpunkt des öffentlichen Lebens. Im Keller gab es eine Wäscherei, die anfangs fast rund um die Uhr ausgebucht war. Im Obergeschoss konnten die Menschen duschen oder baden. Jung und Alt kamen abends zusammen und schauten auf dem gemessen am heutigen Standard winzigen Bildschirm das ARD-Abendprogramm. Mehr gab’s nicht. Bei der WM 1954 war der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt. Weitere Zuschauer standen an den geöffneten Fenstern. Gesehen haben die meisten vom Spiel eher wenig. Aber das Max Morlock ein und Helmut Rahn zwei Tore geschossen hat, haben alle mitbekommen.

Dorfgemeinschaftshaus als Heimat der Vereine und Treffpunkt des Orts

Der Gefrierraum wurde bald zu klein, zügig wurde am anderen Ende des Hauses eine moderne und deutlich größere Anlage gebaut. Darauf wurde später eine Bühne errichtet, die man auch dringend brauchte, denn im Dorfgemeinschaftshaus war Leben. Die Vereine hatten dort schnell Heimat gefunden. Der Gesangverein erlebte eine Blütezeit, der Schützenverein meldete Jahr für Jahr zig Mannschaften für die Rundenwettkämpfe. Bald wurde eine Gymnastikgruppe gegründet, später auch eine Theatergruppe, die stets vor ausverkauftem Haus spielte. Die Jugend traf sich, Familienfeiern fanden statt. Dazu brauchte es eine Küche, und die wurde, genau wie ein Anbau an den Saal, in Eigenleistung von den Bürgern gebaut. Im Winter gab es so gut wie keinen Abend, an dem das Haus nicht belegt und beleuchtet war.

2004, als das DGH 50 wurde und die Stockhäuser es mit einem Festabend feierten, sagte der Moderator: »Jeder von uns verbindet seine eigene Geschichte mit diesem Haus. Es ist unser Haus, weil wir es mit Leben erfüllen. Es sind wir, die dem Haus seine Seele geben. Hier haben wir gesungen und Sport getrieben, hier wurde gelacht und geweint, es wurden Hochzeiten und Geburtstage gefeiert. Es sind unsere Geschichten, die das Haus erzählen könnte.«

Nach 60 guten Jahren gehen im Dorfgemeinschaftshaus die Lichter aus

Gut 16 Jahre ist das her. Damals hatte das Haus seine besten Tage schon hinter sich. Gefrieranlage und Bäder wurden schon lange nicht mehr benötigt. Der Chor singt schon einige Jahre nicht mehr, die Vereinsarbeit ruht. Die Schützen nehmen nicht mehr an Wettkämpfen teil, auch die Gymnastikgruppe hat ihren Übungsbetrieb eingestellt. Die Theatergruppe ist noch da und spielt immer noch (außer im Corona-Jahr 2020) vor vollen Rängen.

1953, als die Räume noch gar nicht beheizbar waren, fand in dem noch schmucklosen Saal eine Weihnachtsfeier der Gemeinde statt. Und seitdem jedes Jahr. Immer standen Kinder auf der Bühne - und gaben in ihren Rollen als Maria und Josef, als Hirte und Engel, als Tannenbaum und Stern ihr Bestes. Der Chor trat auf, der Nikolaus kam, und am Ende sangen alle »Danket dem Herren«. Es gibt (nicht wenige) Menschen im Dorf, für die dieser Moment der bewegendste im ganzen Jahr war. 2020 mussten sie wegen Corona auch darauf verzichten.

Alles hat seine Zeit. Das Dorfgemeinschaftshaus hatte 60 gute Jahre. Dann gingen nach und nach die Lichter aus. Ob sie wieder eingeschaltet werden? Daran glauben im Dorf nur noch wenige. Staatsminister Fischers »Burg des Friedens« ist ein »Haus der Stille« geworden. Stockhausen ist kein Einzelfall, aber auch nicht die Regel. Und dazu sollte es auch nicht kommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare