1950 hieß die Allgemeine noch Freie Presse und war nur als gedruckte Zeitung zu haben.
+
1950 hieß die Allgemeine noch Freie Presse und war nur als gedruckte Zeitung zu haben.

75 Jahre GAZ

Die Zeitung und der Morgensegen: Ein privater Blick auf 75 Jahre mit der „Gießener Allgemeinen Zeitung“

  • Burkhard Bräuning
    vonBurkhard Bräuning
    schließen

Es gab Zeiten, da war eine Tageszeitung mehr als nur ein Medium. Sie war ein willkommenes Hilfsmittel im Haushalt. Doch schon bald begann der rasante Wandel in der Welt der Massenmedien. Ein persönlicher Rückblick.

Haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, schon mal ein Tablet in einen Schuh gesteckt? Wohl kaum. So ein edles Teil legt man auf einen Tisch, arbeitet damit, streamt, surft, postet. Und liest auch Zeitung - digital. Wenn ich meinen Großvätern davon erzählen könnte, würden sie es nicht glauben. Ich habe sie nicht persönlich kennengelernt, aber ich weiß, dass beide eifrige Zeitungsleser waren. Und mein Opa väterlicherseits gehörte zu den »Gießener Allgemeine«-Lesern der ersten Stunde: Im Januar 1946 wurde er Abonnent. Damals hieß das Blatt noch »Freie Presse«.

Auch meine Oma und meine Eltern schnappten sich die Zeitung, wenn Opa Heinrich sie freigegeben hatte. Das konnte dauern, denn er las akribisch. Und regte sich manchmal mächtig dabei auf. Nicht über Druckfehler oder missliebige Kommentare. Nein, er echauffierte sich über das, was so passierte - im Großen wie im Kleinen.

Zeitungsseiten - und wozu sie früher alles zu gebrauchen waren

Wenn die Zeitung »ausgelesen« war, wanderte sie nicht in die blaue Tonne. So was gab es damals nicht. Wofür auch, Papier war knapp, und die Zeitungsseiten wurden für viele Dinge im Haushalt genutzt. Zum Beispiel, um im Ofen ein Feuer anzuzünden. Oder man steckte sie in nasse Schuhe, damit die schneller trockneten. Mit einem Tablet geht das nicht. Und sähe auch irgendwie komisch aus. Eher selten wurden die Seiten zu einem Malerhut oder einem Papierflugzeug gefaltet. Ganz sicher aber wurden die Blätter, die noch übrig waren, in etwa zehn mal 15 Zentimeter große Rechtecke geschnitten. Die hängte man draußen im Hof hinter der Tür mit dem Herzchen auf. In dem etwa einen Quadratmeter großen Raum, den man auch Plumpsklo nannte, erledigte man seine »Geschäfte«, wie mein Opa wohl zu sagen pflegte.

Anfang der 1950er Jahre bekam die Zeitung in meinem Elternhaus Konkurrenz: Vater und Mutter kauften ein Radiogerät. Das war ein für heutige Verhältnisse recht klobiger Kasten mit zwei dicken runden Knöpfen, die man drehen konnte. Mit dem linken Knopf veränderte man die Lautstärke, mit dem rechten wählte man die Sender. Vater, Mutter und alle, die mit am Küchentisch saßen, hörten beim Frühstück nebenbei die Sendung »Der Frankfurter Wecker«, das war sozusagen ein Vorläufer der HR-»Morningshow«. Viele der Moderatoren wurden übrigens später große Fernsehstars. Zum Beispiel Peter Frankenfeld, Hans-Joachim Kulenkampff, Otto Höpfner, Heinz Erhardt, Wolf Schmidt und Heinz Schenck. Meinen Töchtern sagen diese Namen nichts, aber viele, die über 50 sind, kennen sie noch. Teil der Sendung war der »Morgensegen« - ein geistlicher Impuls für den Tag, den sich meine Eltern gerne anhörten. Die Rundfunkgebühren wurden damals noch bar von der Post kassiert. Als zum ersten Mal der Bote vor der Tür stand, waren Vater und Mutter draußen auf dem Feld. Opa aber war da - und er zahlte. Als meine Eltern abends nach Hause kamen, legte er die Quittung auf den Tisch und sagte: »Da habt ihr euren Morgensegen.«

Warum die Zeitung einen großen Vorteil gegenüber dem Radio hat(te)

Ja, mein Großvater war wohl manchmal mürrisch und wortkarg. Aber alle, die ihn näher kannten, sagten, er sei ein feiner Mann gewesen, der aber eben auch seine Prinzipien hatte. Und sein Argument für die Zeitung und gegen das Radio war: »Wenn ich etwas in der Zeitung nicht verstanden habe, dann kann ich es noch mal lesen. Wenn im Radio die Nachrichten vorbei sind, dann sind sie vorbei.« Heute könnte er damit nicht mehr punkten, denn Nachrichten sind rund um die Uhr verfügbar.

Schon länger Standard auch bei der Gießener Allgemeinen: Ein Internetportal mit einem vielfältigen - auch überregionalen - Angebot.

Als mein Opa 1954 starb, lief das Zeitungs-Abo ganz selbstverständlich weiter. Doch zurück zum Wettbewerb der Medien. Der nahm in den 1960er Jahren so richtig Fahrt auf. Das Fernsehen eroberte die Wohnzimmer und Küchen der Deutschen. 1964 stellte die Grünberger Firma Rundfunk und Elektro Heinrich Erb auch bei uns ein Fernsehgerät auf. Es war das, was man einen Flimmerkasten nannte, kein Vergleich zu den Geräten von heute, bei denen die Bilder angeblich schärfer als die Wirklichkeit sind. Uns kam der Flimmerkasten gerade recht. Er veränderte zwar nicht alles, aber viel. Meine drei Geschwister und ich, zwischen 1950 und 1957 geboren, »glotzten TV«, wie Nina Hagen einst sang. Gott sei Dank (aus heutiger Sicht) ging es erst nachmittags los, und es endete abends zu nicht allzu später Stunde.

Ein „Flimmerkasten“ als Ursprung der Digitalisierung

Damals hatte auch die Geschichte der Digitalisierung - von der Öffentlichkeit noch weitgehend unbemerkt - schon begonnen. Die digitale Revolution gewann aber erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts an Tempo. Auch wenn die Menschheit schon viele Revolutionen in Gang gesetzt hat, die Digitalisierung stellt wohl alle großen Veränderungen der Geschichte in den Schatten. Vor allem, was die Geschwindigkeit betrifft. Diese Revolution greift tief ein in unsere Lebens- und Arbeitswelt. Sie beeinflusst unser Medienverhalten und vor allem puscht sie den Medienkonsum der Menschen. Vor vielen Jahren kursierte ein Witz über einen kleinen Jungen, der von der Oma während einer Kindersendung ins Bett geschickt wird. Der Junge ist einsichtig und sagt treuherzig: »Oma, den Rest guck ich morgen.« Goldig. Man lachte damals sehr über den Jungen. Dabei war das Kind vielleicht ein Seher. Denn schon länger kann sich jeder sein eigenes Programm machen. Wir können entscheiden, was wir wann, wo und auf welchem Gerät konsumieren. Das Angebot ist riesig. Manchmal hat man das Gefühl, unterzugehen in dieser Flut, in diesem Überangebot. Und wenn man die neueste Netflix-Serie noch nicht kennt, ist man ganz schnell ein Außenseiter.

Versuchungen gebe ich gerne mal nach. Aber meine Minuten vor dem Fernsehgerät gehen heute gegen null. Ein Tablet habe ich nicht, nur mein Smartphone. Social-Media-Seiten meide ich. Aber ich habe einen richtig guten Rechner. Meine Mutter (91) kämpft sich mit der Fernbedienung durch das massenhafte TV-Angebot, das es heute gibt. Meine Frau und unsere Kinder »streamen«, hören Podcasts, normales Radio. Wir sind Kunden bei Apple-Diensten, Netflix, Amazon Prime - und Spotify. Ja, unser Budget für digitale Medien ist hoch. Aber wir alle lesen auch Zeitung - überregionale Blätter (digital) und die »Gießener Allgemeine« (auf Papier). Sie ist ein wichtiger Teil unsere Familiengeschichte, eine Zeitung für das ganze Leben. Auf den Anzeigenseiten machten wir Freud (Verlobungen, Hochzeiten, Geburten) und Leid (Traueranzeigen) öffentlich. Da wir alle irgendwie und irgendwann Teil des Vereinslebens waren oder noch sind, tauchten unsere Namen auch in redaktionellen Beiträgen auf. Und mehr als die Hälfte meines Lebens arbeite ich schon für die »Allgemeine«.

Eine Zeitung für das ganze Leben

75 Jahre »Gießener Allgemeine« - dieses Jubiläum feiern wir gerne mit. Meine Frau hat sozusagen das Erbe meines Großvaters angetreten, sie liest (fast) alles in der Zeitung. Nur den Sportteil nicht so ganz intensiv. Da ich schon so grob weiß, was am nächsten Tag in der Zeitung steht, blättere ich zügig zu den Seiten, auf denen Beiträge stehen, die ich gerne lesen möchte, weil sie mich auch privat interessieren. Ich mag die Texte meiner Kollegen - in allen Ressorts. Manchmal machen wir Fehler. Aber wir halten uns an das Presserecht - und wir haben Werte und Normen, die uns wichtig sind, die wir verteidigen. Ja, wir Zeitungsleute kämpfen an vielen Fronten, um es mal martialisch zu sagen. Aber es ist wirklich ein Kampf. Nicht ums Überleben. Denn untergehen werden wir nicht. Da bin ich sicher. Aber wir werden uns ändern müssen, auch weil die Ansprüche der Leser sich ändern.

Eins frage ich mich noch: Was würde mein Opa sagen, wenn er so ganz unvorbereitet diesen Text lesen müsste?

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare