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Völlig zerstört wurde dieses Haus am Ende des Erlentals. Rechts die Trümmer der britischen Jets auf einer Lichtung im Wald.

Erinnerung

Das Wunder von Wißmar: Düsenjet stürzt ab - Dorf entgeht Katastrophe

  • Rüdiger Soßdorf
    VonRüdiger Soßdorf
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Nur knapp entgeht Wißmar vor 42 Jahren einer Katastrophe. Ein britischer Düsenjet stürzt hinter dem Dorf in der Siedlung Erlental ab. Der Pilot kommt ums Leben. Wie durch ein Wunder gibt es keine weiteren Toten und Verletzten zu beklagen.

Wettenberg - Am Nachmittag des 18. Juli 1979 stürzte im Kreis Gießen ein Düsenjäger ab, der Pilot kam dabei ums Leben. Das Forsthaus im Erlental nahe Wißmar wurde zerstört, zwei weitere Häuser schwer beschädigt. Von einem »Totalschaden an meinem Haus und meinen vier Jahren nachgejagten Träumen, dort ein Familiennest zu bauen«, spricht Hans Karpenstein.

Damals, im Sommer vor 42 Jahren, war Karpenstein ein junger, aufstrebender Anwalt, der aus dem Vogelsberg nach Wißmar gekommen war und sich in das leer stehende Haus im Erlental verliebt hatte.

Doch wie hat sich das Unglück an jenem heißen Sommertag genau zugetragen? Aufzeichnungen aus jener Zeit hat der aus Wißmar stammende Dieter Prinz ebenso gemacht wie die Wißmarer Autorin Erika Weimer. Auch die Gießener Allgemeine Zeitung berichtete ganzseitig.

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Es gab ein Tiefflugmanöver dreier britischer Kampfflugzeuge vom Typ Harrier, erinnert sich Dieter Prinz. Die britischen Jets waren auf einer Airbase bei Gütersloh stationiert. Zwei der Maschinen sollen beim Tiefflug kollidiert sein. Einer der Harrier blieb in der Luft, konnte vom Piloten zur Basis zurückgesteuert werden. Der andere, pilotiert von einem 32 Jahre alten US-Soldaten, raste über Wißmar hinweg und krachte in die letzten Häuser der Siedlung Erlental.

Besagtes Forsthaus, das zu jenem Zeitpunkt unbewohnt war, wurde total zerstört, berichtete die Gießener Allgemeine Zeitung am 19. Juli 1979. Zwei weitere Häuser in der Weiherstraße wurden schwer beschädigt. »Der Pilot muss noch in letzter Sekunde versucht haben, zwischen diesen beiden Häusern hindurch auf der Lichtung hinter dem Forsthaus aufzusetzen«, so steht es im Archiv.

Von dem Piloten, Captain Thomas D. Pasquale, einem jungen Familienvater, hieß es, dass er nicht aus dem Jet ausgestiegen sei, um diesen nicht aufs Dorf stürzen zu lassen.

Der Flieger ging sofort in Flammen auf, Trümmerteile waren in weitem Umkreis zerstreut; die Bordkanone lag in dem völlig demolierten Forsthaus. Die Hitze war so groß, dass Sträucher und Obstbäume verdorrten.

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Wie durch ein Wunder gab es keine weiteren Verletzten oder Toten zu beklagen, auch ein Kleinkind blieb unversehrt, das zu dieser Zeit im Souterrain eines der beschädigten Häuser schlief.

Das Ehepaar Karpenstein hatten das 1936 erbaute Wißmarer Forsthaus von der Stadt Lahn erwerben wollen, zu der das Dorf Wißmar seinerzeit gehörte. Der Notartermin sollte am 20. Juli stattfinden - zwei Tage nach dem Unglück. »An dem Abend war ich sturztrunken, ich musste meinen Kummer runterspülen. Meine Frau holte eine große Flasche zweifelhaften Weins bei der Eisdiele von Siggi, heute Nebengebäude der Volksbank, als die Vorräte ausgetrunken waren. Vier Jahre hatte ich um das Forsthaus gekämpft. Und nun das«, so Karpenstein, der später Erika Weimer seine Erinnerungen in den Block diktierte (erschienen im Sammelband »Mein Leben - meine Zeit«, Wettenberg, 2016).

Tags darauf erreichte ihn der Anruf des Kämmerers der Stadt Lahn, der ihm die Ruine zum Kauf anbot - zum gleichen Preis wie vorab vereinbart, aber gegen Abtretung der Schadensersatzansprüche aus dem Unglück. Der damals 31 Jahre alte Karpenstein und seine Frau Heidi gingen das Wagnis ein, unterzeichneten umgehend den so angepassten Kaufvertrag. Sie vertrauten darauf, als Entschädigung den Wert des Gebäudes zu bekommen. Was folgte, war eine mehrmonatige Odyssee bei Banken. Letztlich war es die kleine, damals noch selbstständige Volksbank Gleiberger Land, die dem jungen Rechtsanwalt und seiner Frau, einer Lehrerin, bei der weiteren Finanzierung behilflich waren. Es passte, von der Entschädigungssumme konnte der Wiederaufbau gestemmt werden. Das neue Haus sah äußerlich wieder so aus wie das vorherige, im Innern wurde es derweil an die Bedürfnisse der jungen Familie angepasst.

»Wir hatten eine Ruine gekauft. Aber es war nach wie vor eine der besten Entscheidungen unseres Lebens«, sagt der 73-jährige Karpenstein heute rückblickend.

Warum aber hatten sich die Kaufverhandlungen zuvor über vier Jahre hingezogen? Es hatte ein regelrechter Bieterwettbewerb um das wunderschöne Anwesen stattgefunden. Unbestätigten Informationen zufolge soll kein Geringerer als der Sänger Reinhard Mey ebenfalls Interesse gehabt haben. Aber das ist eine andere Geschichte

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