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Am 1. September 1971 trat das Bundesausbildungsförderungsgesetz in Kraft. Seit 50 Jahren ist es eine feste Sozialleistung an Schüler, Schülerinnen und Studierende. SYMBOLFOTO: DPA

50 Jahre BAföG: Perspektiven aus Gießen

  • Daniel Beise
    VonDaniel Beise
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Ein halbes Jahrhundert ist nun her, dass unter der Kanzlerschaft Willy Brandts das Bundesausbildungsförderungsgesetz geschaffen wurde - kurz: das BAföG. Chancengerechtigkeit beim Zugang zu Bildung sollte es vor allem bringen. Gießener Perspektiven und Geschichten zum Jubiläum.

Ist das BAföG eine Erfolgsgeschichte? »Für mich schon«, antwortet Gerhild Donnevert. 1960 in Fulda geboren und dort Abi gemacht, ist sie anschließend nach Heidelberg gezogen für eine Ausbildung zur medizinisch-technischen Assistentin. Bis 1983 hat sie in dem Beruf gearbeitet. »Doch ich war nicht zufrieden mit der Tätigkeit und wollte ein bisschen mehr«, erzählt die 61-Jährige. So entschied sie sich für ein Studium an der damaligen Fachhochschule Gießen: Umwelt- und Hygienetechnik am Fachbereich Technisches Gesundheitswesen; heute heißt der Fachbereich Life Science Engineering (LSE), wo es unter anderem um Biotechnologie, medizinische Physik oder Umweltingenieurwesen geht.

Dann stellte sich die Frage der Finanzierung. Zwei von drei Brüder studierten bereits, Unterstützung seitens der Eltern war nicht mehr möglich. »Ich hatte dann das Pech, dass das BAföG 1982 auf ein Volldarlehen umgestellt wurde. Aber die Entscheidung dafür ist mir trotzdem nicht schwergefallen, weil ich so das Studium schneller durchziehen konnte. Zudem war ich ja schon deutlich älter als meine Kommilitonen«, fährt Donnevert fort. »Und ich bin sehr froh, dass ich das so gemacht habe. Im achten Semester hatte ich mein Diplom in der Tasche.« Hätte sie nebenher arbeiten müssen, hätte sie womöglich nicht studiert, sagt sie. Bis heute ist sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Mathematik, Naturwissenschaften und Informatik an der THM. Sie sei gut klargekommen mit den rund 500 DM und habe keine hohen Ansprüche gehabt. Kein Auto, ein Wohnheimzimmer am Eichendorfring für damals 160 DM, ab und an mal gejobbt, um sich einen Urlaub leisten zu können. »Und die Rückzahlung hat nicht wehgetan. Wirklich nicht«, betont Gerhild Donnevert.

25 Prozent von 24 000 DM Volldarlehen wurden ihr erlassen, weil sie unter den besten 30 Absolventen ihres Abschlussjahres war. 360 DM hat sie - beginnend erst fünf Jahre nach dem Abschluss - vierteljährlich zurückgezahlt. Auf diese Weise hätte das zwölf Jahre gedauert. Doch nach sechs Jahren konnte sie ihre Restschuld halbieren, indem sie den Betrag auf einen Schlag zurückzahlte.

Wie Donnevert hat auch ihr Kollege Horst Heck an der Technischen Hochschule Mittelhessen auf diesem Weg seine Restschuld halbiert. Der Wissenschaftliche Mitarbeiter am Fachbereich LSE stammt aus der Region Marburg, hat an der dortigen Uni eine Lehre zum Chemielaboranten gemacht und nach dem Fachabi und der Wehrpflicht vier Jahre als Laborant gearbeitet. »Da die Stellensituation damals nicht so rosig aussah, hatte ich überlegt, noch zu studieren«, erzählt der 57-Jährige und fährt fort: »Weil ich schon gearbeitet hatte, bekam ich elternunabhängiges BAföG und damit automatisch den Höchstsatz von rund 750 DM.«

Das sei »sehr hilfreich« gewesen, da er sich mit seiner Freundin in der gemeinsamen Wohnung schon einen gewissen Lebensstandard erarbeitet hatte. Zwar hätte Heck die Kosten durch Rücklagen und Hilfe der Eltern auch ohne die Förderung stemmen können. »Doch das hätte das Studium verzögert, weil ich außerdem hätte arbeiten müssen«, betont er. Den einen oder anderen Nebenjob im Labor oder woanders hatte allerdings auch er. Seit dem Studium in Biomedizintechnik Anfang der 90er ist er an der THM geblieben. Das BAföG sei für ihn - auch gesamtgesellschaftlich - »auf alle Fälle« eine Erfolgsgeschichte. Und »die Rückzahlung war ein Klacks«, betont er. »Wenn man noch jung war, keine Familie ernähren musste und natürlich nicht arbeitslos war, war das wirklich zuzumuten.« Und die Arbeitslosigkeit direkt nach dem Studium sei ja sehr unwahrscheinlich gewesen.

Chancengerechtigkeit - das war der Grundgedanke der Ausbildungsförderung für Schüler und Studenten. Am 1. September 1971 trat das Bundesausbildungsförderungsgesetz - das BAföG - unter der sozialliberalen Koalition von SPD und FDP und der Kanzlerschaft Willy Brandts (SPD) in Kraft. Es gilt als besonderer und langfristig eingeordneter Bestandteil des Sozialgesetzbuches und ist damit eine Sozialleistung wie Arbeitslosen- oder Elterngeld. Gegenüber der seit 1957 bestehende Studienförderung - dem »Honnefer Modell«- erweiterte das BAföG den Empfängerkreis enorm, weil nicht mehr nur jene mit besonders guten Noten Geld bekamen. Zudem garantiert es einen Rechtsanspruch. Die Leistung war somit einklagbar. Seit 1971 haben sie fast fünf Millionen junge Menschen bekommen.

»Ursprünglich als Vollzuschuss eingeführt, schuf es zu Beginn eine Aufbruchsstimmung, die zu einer Bildungsexpansion führte. Die Menschen haben sich eingeladen und aufgerufen gefühlt, ein Studium aufzunehmen, was vor 50 Jahren nicht selbstverständlich war«, erzählt Katja Urbatsch. Sie wurde 1979 in Ostwestfalen geboren und war die erste ihrer Familie, die die Allgemeine Hochschulreife erlangte. Ebenso ihr Bruder Marc. Nach ihrem Studium in Amerikanistik, Betriebswirtschaftslehre sowie Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität Berlin fing sie 2007 in Gießen als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am »International Graduate Centre for the Study of Culture« der Justus-Liebig-Universität an zu arbeiten.

Gut ein Jahr später gründete sie mit ihrem Bruder, ihrem Partner Wolf Dermann sowie zwei Kolleginnen die Plattform »ArbeiterKind.de - für alle, die als Erste in ihrer Familie studieren«. Vor allem aufgrund eigener Erfahrungen: Schon früh war ihr aufgefallen, dass sie weniger Wissen und Informationen über das Studieren hatte als Kommilitonen aus Akademikerfamilien.

Die Initiative erregte bundesweit ein großes Medienecho, sodass sich schnell viele Studierende und Akademiker der ersten Generation als Ehrenamtliche anboten. 2009 als gemeinnützige Unternehmergesellschaft registriert, zog Urbatsch 2012 nach Berlin, weil sie Fördergelder für den Aufbau einer bundesweiten Geschäftsstelle erhielt. Die Gesellschaft wurde mehrfach ausgezeichnet wie auch die Gründerin selbst: 2018 als Ehrensenatorin der JLU sowie im selben Jahr mit dem Bundesverdienstkreuz. 2019 zählte die Organisation 6000 Ehrenamtliche und 80 lokale Gruppen. Auch in Gießen gibt es ein Büro, wo Urbatsch regelmäßig anwesend ist. JLU-Präsident Prof. Joybrato Mukherjee habe sie dabei immer »sehr unterstützt«. Zudem plant sie für dieses Jahr die Fertigstellung ihrer Dissertation in Amerikanistik an der JLU.

»Die jüngste BAföG-Novelle war dringend notwendig«, betont Urbatsch. Weil in den Zehnerjahren die Umstände für Studierende zunehmend angespannter wurden und die Förderquote gegen nur zehn Prozent zu sinken drohte, brachte Bildungsministerin Anja Karliczek 2019 das 26. BAföG-Änderungsgesetz auf den Weg. Womit bis Herbst diesen Jahres rund 100 000 Schüler und Studentinnen zusätzlich gefördert werden sollen. Diese »Trendumkehr« spiegelt sich bei diesem Indikator bislang nicht wider. So forderten im Frühjahr der Deutsche Gewerkschaftsbund wie auch die Hochschulrektorenkonferenz eine umfassende BAföG-Reform und Wohnraumoffensive. Kürzlich kündigte Karliczek eine Neustrukturierung und Ausweitung des BAföG an, um auch modernen Bildungsbiografien beispielsweise mit einer Zweitausbildung gerecht zu werden.

Neben der Corona-Krise seien besonders der angespannte Wohnungsmarkt sowie andere, stark gestiegene reale Kosten »ein großes Problem« für Studierende, betont Urbatsch und fährt fort: »Das BAföG sollte eine verlässliche, pragmatische und realistische Studienfinanzierung gewährleisten. Dies entscheidet darüber, ob junge Menschen aus finanzschwachen Familien überhaupt ein Studium aufnehmen und erfolgreich abschließen können.«

Die Kritik am BAföG war zuletzt wieder harsch. Fragt man aber einzelne Personen - egal aus welcher Zeit -, ob es das BAföG leichter gemacht hat, wird man wohl immer die Antwort bekommen: »Ja.«

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