Kinderhaus-2_100721_4c
+
Hilfe zur Selbsthilfe: Dieses Leitmotiv des Kinderhauses wird konsequent gelebt. Das Foto zeigt Leiterin Mechthild von Niebelschütz mit einem der 80 Kinder des Hauses.

400 Gäste im Wartweg erwartet

  • VonBarbara Czernek
    schließen

Gießen (bac). Am heutigen Samstag feiert das integrative Montessori-Kinderhaus St. Martin im Wartweg sein 25-jähriges Jubiläum, wenn auch mit einem Jahr Verspätung: Das eigentliche Jubiläum war 2020, konnte aber wegen Corona nicht bejubelt werden. »Daher feiern wir 25 plus eins«, sagt die Leiterin Mechthild von Niebelschütz.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde die herrschaftliche Brüggemann-Villa zunächst von den Amerikanern genutzt, doch nach dem Truppenabzug konnte dort vor 25 Jahren das Kinderhaus mit 60 Kindern einziehen, von denen 20 Kinder eine Behinderung hatten. Der Vorläufer des Kinderhauses war eine Sonderkindertagesstätte, aus der sich die Idee eines integrativen Kindergartens entwickelte, basierend auf der Montessori-Pädagogik.

Ermöglicht wurde dies auch durch die stetige, gute Zusammenarbeit zwischen dem Kinderhaus und seinem Träger, dem Sozialdienst katholischer Frauen (SkF). »Dieses Haus ist ein Haus für die ganze Familie, und nur wenn wir die Umstände und die Verhältnisse kennen, in denen ein Kind aufwächst, können wir ihm das geben, was es braucht«, sagt von Niebelschütz.

Eines der ersten Familienzentren

Diese Verbundenheit bleibt, auch wenn die Kinder längst das Haus verlassen haben. Daher erwartet man heute zum großen Sommerfest etwa 400 Gäste. Das Kinderhaus trägt auch die Bezeichnung »Familienzentrum« - lange bevor andere Kindertagesstätten diese Grundidee für sich erschlossen. Jede Familie wird mindestens einmal im Jahr von Betreuern besucht, um sich ein Bild zu machen, was die Familie und die Kinder benötigen. Mechthild von Niebelschütz hat die Idee des integrativen Kinderhauses von Anfang an verwirklicht und gelebt. Sie kennt jedes der 80 Kinder mit Namen, seine Vorlieben und auch seine Schwächen. Getreu dem Leitsatz von Maria Montessori »Hilf mir, es selbst zu tun« erhält jedes Kind das Maß an Förderung, das es benötigt. Dies gilt, so die Leiterin, für alle Kinder: für die Hochbegabten wie auch für Kinder mit einem Handicap. Dies bedeutet stetige Veränderung und Anpassung und nie wirklichen Stillstand in dem pädagogischen Gefüge.

Dies galt auch für die Veränderungen, die die Pandemie mit sich brachte. »Die Leidtragenden der Pandemie waren und sind die Kinder, denn sie haben keine Lobby«, sagt von Niebelschütz und ergänzt, dass die Kinder ganz schnell gelernt hätten, wie man mit der neuen Situation umgehen müsse. Kinder seien viel anpassungsfähiger, als viele denken. »Trotzdem war und ist die aktuelle Situation nicht einfach, denn Familien stehen generell unter einem höheren Druck als früher, da müssen wir einiges auffangen«. Dies wurde durch Homeschooling, Homeoffice und geschlossene Kitas noch verschärft.« Wir haben - sobald es irgendwie möglich war - das Haus für unsere Kinder geöffnet, um auch die Familien zu entlasten.« Gelohnt hat es sich: Bis dato ist noch kein Corona-Fall in der Kita aufgetreten. Das liegt auch daran, dass das Haus mit klaren Regeln geführt wird, an die sich jeder zu halten hat, egal ob klein oder groß. »Alle Kinder haben das Recht auf Grenzen«, verdeutlicht die Leiterin. Innerhalb dieser gibt es Spielräume, die jedoch von allen - egal ob Erzieherin, Therapeutin oder Kind - geachtet werden müssen. Und dies funktioniert. Wenn man in der Zeit nach dem Mittagessen, in der sogenannten Flüsterzeit, durch das Haus geht, herrscht Ruhe - und das, obwohl alle 80 Kinder im Haus sind.

Plätze auf Jahre im Voraus belegt

Anfangs war das Kinderhaus mit seinem integrativen Konzept kaum bekannt, und das Team um von Niebelschütz hatte mit diversen Aktionen wie Waffelbacken im Seltersweg auf das Kinderhaus aufmerksam gemacht. Das ist heute nicht mehr notwendig. Das Gegenteil ist der Fall: Die 80 Plätze der Kita und die 53 Plätze in der Schülerbetreuung sind auf Jahre im Voraus belegt. »Es ist immer sehr bedauerlich, wenn wir Kinder ablehnen müssen. Das tut uns jedes Mal in der Seele weh«, sagt die Leiterin. Das Positive daran aber ist: Der Bestand des Montessori-Kinderhauses ist somit auf weitere Jahre gesichert.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare