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Seit zwölf Jahren organisiert Rainer Römer (r.) die Reihe "Musik bei Vitos". "Eine tolle Leistung", meint nicht nur Vitos-Geschäftsführer Stefan Düvelmeyer. FOTO: CSK

299-mal Grenzen überwunden

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"Musik bei Vitos" ist eng mit Rainer Römer verbunden. Der Initiator blickt voraus auf das 300. Konzert am Samstag. Für ihn ist "seine" Reihe viel mehr als nur Musik.

Prinzipien gelten natürlich für alle. Und Rainer Römer pflegt glasklare Prinzipien. "Auch die Cousine von Bob Dylan kann bei uns nicht jedes Jahr spielen", sagt der 62-Jährige, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. In Wahrheit ist es zumindest nicht mehr ungewöhnlich, dass Sonia Rutstein im April wieder in Gießen gastiert. Für die Reihe "Musik bei Vitos" wird das dann Konzert Nummer 306. Bereits morgen macht das Format, das knapp zwölf Jahre nach seiner Premiere fest zum hiesigen Kulturleben gehört, die 300 voll. Regional, national und sogar international bekannte Künstler live in der Kapelle der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in der Licher Straße: Das ist vielleicht verrückt. Mit Sicherheit aber ist es dringend nötig.

Treff von Patienten und Gästen

Auch daran lässt Römer nicht den leisesten Zweifel. Das Ganze dürfe schließlich nicht als reines Kunstprogramm missverstanden werden, betont er. Um Kunst geht’s schon. Logischerweise. Vor allem ist "Musik bei Vitos" jedoch ein soziales Projekt. Die Konzerte locken Patienten und Gäste von außerhalb gleichermaßen an - und bringen beide Gruppen miteinander in Kontakt. "Vor 15, 20 Jahren hat kein Gießener das Gelände betreten", sagt Römer, der therapeutischer Leiter der Vitos-Übergangseinrichtung für Drogenabhängige war und nun im Gesundheitsamt in Wetzlar arbeitet. Das sei der springende Punkt: "Wir wollen Grenzen aufheben."

"Wir" - das sind Römer, sein Cousin, Martin Gärtner und einige Patienten. Alles begann 2008 mit Elisabeth von Thüringen. Genauer: mit einer Wanderausstellung zu ihrem 800. Geburtstag. Als Römers Cousin sie nach Gießen holte, entwickelte Römer die Idee, die Kapelle zum Schauraum zu machen. Für die Vernissage gewann er den Kinderchor des Stadttheaters. Und dessen Leiter Gärtner schwärmte sogleich von der Akustik. "Musik bei Vitos" war geboren. Mit vier Konzerten im ersten Jahr - und 47 in 2019.

Fragt man Römer nach Highlights aus bislang 299 Konzerten, ist das Gespräch mit dem Sozialarbeiter vorläufig beendet. Ab sofort spricht der Musikprofi. Er erzählt von einem Kinderchor aus Peking samt Tritsch-Tratsch-Polka auf Chinesisch. Von der Anfrage eines echten Mitglieds der Kelly-Family. Von "Aqueerius", einem schwul-lesbischen Chor aus Mittelhessen. Und von unzähligen anderen mehr oder minder prominenten Gästen. Ja, auch von weniger prominenten. Denn das sei wichtig, unterstreicht Römer. Stets müsse die Reihe nämlich offen bleiben für Musiker ohne große Namen.

Gerade diese Offenheit stellt heute eine Herausforderung dar. "Wir könnten problemlos drei Konzerte pro Woche machen", versichert Römer, der bei der Organisation seit einem halben Jahr von Rainer Stoodt unterstützt wird. Längst müsse "Musik bei Vitos" keine Künstler mehr anfragen. Die Künstler fragten "Musik bei Vitos" an. Manche nutzen die Stippvisite als Warm-up vor einem großen Auftritt, wie demnächst die Hamburger Band "Mischpoke". Andere kommen einfach irgendwie auf die Idee, an der Licher Straße zu spielen - etwa der US-amerikanische Blues-Musiker Joe Filisko, der unbedingt in seiner Geburtsstadt Gießen auf der Bühne stehen wollte.

Eine breite Palette von Genres ist also garantiert. Jeder Gast akzeptiert dabei die Besonderheiten des Ortes. "Hier gehen während eines Klassikkonzerts schon mal die Leute rein und raus", sagt Römer. "Wer das nicht hinnimmt, muss zu Hause bleiben." Ferner sei der Respekt vor der Kapelle selbst unverhandelbar. Der 62-Jährige verweist auf die Geschichte der Klinik. Gerade während der NS-Zeit seien auf deren Gelände auch "schlimme Dinge" passiert: "Ich bilde mir immer ein, dass dieser Raum damals eine besondere Bedeutung für viele hatte - als Fluchtpunkt."

Offen für Musiker ohne große Namen

Diese Besonderheiten führen dazu, dass Römer alle Künstler live scouten möchte, bevor er sie einlädt. Und es beschert jedem und jeder Glücklichen ein kurzes Briefing, wo er oder sie sich gerade befindet. Für die bis zu 170 Zuhörer, unter denen laut Römer in aller Regel kaum junge Leute sind ("Die gehen nicht auf das Gelände einer Psychiatrie in eine Kapelle, wo es nichts zu trinken gibt"), ist nach wie vor jedes Konzert gratis. Nur Spenden sind erwünscht. Damit ist das Drumherum leichter zu finanzieren. Der eigentliche Wert der Konzerte bleibt unbezahlbar.

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