Der Mord ereignet sich in dem Mehrfamilienhaus an der Max-Reger-Straße.
+
Der Mord ereignet sich in dem Mehrfamilienhaus an der Max-Reger-Straße.

Femizid

Als ein Mord Gießen erschütterte: Antonio K. tötete seine Ex mit einem Stich ins Herz

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
    schließen

Vor fast 20 Jahren hat in Gießen ein 27-jähriger Mann seine gleichaltrige Ex-Freundin erstochen. Der Anwalt der Familie spricht vor Gericht von einem »Mord mit Ansage«.

Gießen – Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von einem Mann getötet, weil sie eine Frau ist. In der Regel sind es die Partner oder Ex-Partner, die einen Femizid begehen. Im Jahr 2018 waren es bundesweit 147 Tötungen an Frauen und 224 versuchte Tötungen durch sogenannte Partnerschaftsgewalt. Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey sagte dazu am Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen 2018: »Das ist für ein modernes Land wie Deutschland eine unvorstellbare Größenordnung. Es geht um Straftaten, die geahndet werden und für die die Täter zur Verantwortung gezogen werden müssen.« Auch in Gießen laufen regelmäßig Verfahren gegen Männer, die vorgeben, ihre Frau zu lieben, ihr aber wehtun oder versuchen, sie zu töten. Am 6. März 2001 stirbt eine 27 Jahre alte Gießenerin durch einen Messerstich mitten in ihr Herz. Der Täter ist Antonio K., ihr gleichaltriger Ex-Partner.

Gießen: Mörder lauerte seinem Opfer auf

Wie jeden anderen Werktag auch verlässt die 27 Jahre alte Gießenerin an jenem Dienstagmorgen ihre Wohnung am Wiesecker Weg. Die Filialleiterin einer Drogerie ist auf dem Weg zur Arbeit. Antonio K. wartet jedoch bereits auf sie. Er will sie zur Rede stellen. Seit November sind die beiden kein Paar mehr. Sie hatte nach eineinhalb Jahren Schluss gemacht. Antonio K. lässt sich nicht abwimmeln, auch als sie in den Bus zu ihrer Arbeitsstelle steigt. Um ihm zu entkommen, fährt sie stattdessen zu ihren Eltern. Die wohnen in einen mehrstöckigen Gebäude an der Max-Reger-Straße. Unter einem Vorwand verschwindet sie gegen 9.50 Uhr im Haus. »Ich werde ihn einfach nicht los«, sagt sie ihren Eltern. Die 62 Jahre alte Mutter greift zum Telefon und sagt Antonio K., ihre Tochter werde nicht herauskommen.

Dann geht alles sehr schnell. Antonio K. steigt auf den Balkon der im Erdgeschoss lebenden Eltern, zerschlägt die Scheibe und dringt so in die Wohnung ein. Zuerst hält er sich ein Messer mit einer zehn Zentimeter langen Klinge an den Hals. Doch dann verletzt er damit die Mutter schwer. Anschließend sticht der 27-Jährige mehrmals auf seine Ex-Freundin ein und trifft dabei ihr Herz. Die junge Frau verblutet innerlich. Ihr Vater ist Zeuge des Angriffs und ruft den Notarzt. Antonio K. flieht von der Max-Reger-Straße aus übers Bahnhofsgelände bis zum Neuen Friedhof. Bei den Gleisen wirft er das Messer in einen Schacht. Zeugen berichten, der Mann sei sofort ins Bad gerannt und habe sich seine roten, geschwollenen Augen ausgewaschen. Denn in der Wohnung hat ihn seine Ex-Freundin mit Pfefferspray besprüht. Als sich Antonio K. gegen 14 Uhr in ein Minicar setzen will, fingieren Ermittler der Gießener Kripo einen Verkehrsunfall - und nehmen ihn fest. Antonio K. leistet keinen Widerstand; der Minicar-Fahrer wird später aussagen, sein Fahrgast wollte zum Polizeipräsidium gebracht werden.

„Mord mit Ansage“ in Gießen

Ein Jahr später wird der Anwalt der als Nebenkläger auftretenden Eltern von einem »Mord mit Ansage« sprechen. Für die junge Frau muss die Beziehung die Hölle auf Erden gewesen sein. Im Juli 2000 zum Beispiel taucht Antonio K. in der Drogerie auf, in der sie arbeitet, und macht ihr eine Szene. Dabei beschimpft und bespuckt er eine weitere Verkäuferin. Vor Gericht gibt der 27-Jährige zu, seine Freundin immer wieder geschlagen, ihre Wohnung demoliert und sie mit Anrufen und Textnachrichten belästigt zu haben.

Nach der Trennung im November 2000 lässt er sie nicht in Ruhe. So erstattet die Gießenerin Anzeige wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung gegen ihren Ex-Freund. Sie sagt der Polizei, er habe sie geschlagen und die Reifen ihres Autos zerstochen. Abends sitzt sie oft bei ausgeschaltetem Licht in ihrer Wohnung. Ihr Ex-Freund soll denken, sie sei nicht zu Hause.

Sie ist nicht die einzige Frau, die unter Antonio K. leiden muss. Zwei Zeuginnen lassen im Verfahren kein gutes Haar an ihrem ehemaligen Partner. Er sei gewissenlos und eifersüchtig, sagen sie. Er habe aus nichtigen Anlässen Wutanfälle bekommen, mit Selbstmord gedroht und sie geschlagen oder gewürgt. Eine Frau sagt: »Ich halte ihn für gefährlich. Sollte er jemals wieder auf freien Fuß gelangen, muss ich die Stadt verlassen. Ich bin mir sicher, er würde mit mir dasselbe machen.«

Mord in Gießen: Wer ist Antonio K.?

Wer ist Antonio K.? Seine Mutter hat bereits sieben Kinder, als sie mit einem spanischen Gastarbeiter eine Affäre hat. Antonio K. geht aus dieser Liaison hervor. Gerade noch so schafft er den Hauptschulabschluss. Die psychiatrische Gutachterin beschreibt ihn als unterdurchschnittlich intelligent, ihm fehle bei aller Ich-Bezogenheit das Reflexionsvermögen. Antonio K. nimmt Drogen, bricht mehrere Lehren ab und wird auch bei der Bundeswehr weggeschickt. Schließlich beendet er eine Ausbildung zum Gerätezusammensetzer.

Antonio K. gesteht die Tat und schont sich in seiner Einlassung vor Gericht keinesfalls selbst. Doch er betont: »Ich wollte niemanden töten. Ich war nach der Pfefferspray-Attacke völlig orientierungslos.« Für seinen Verteidiger Frank Richtberg ist diese Frage zentral. Denn sie entscheidet darüber, ob sein Mandant am Ende des Verfahrens wegen Mordes aus niederen Beweggründen oder wegen Totschlags verurteilt wird. Einen Sachverständigen - wie von Richtberg mehrfach gefordert - will das Gericht nicht anhören. Stattdessen sagt ein Kommissar einer Polizeischule aus, der den Umgang mit Pfefferspray trainiert. Die Eltern der jungen Frau geben außerdem an, Antonio K. sei nur kurz vom Pfefferspray beeinträchtigt gewesen und habe dann zielgerichtet mit dem Messer auf ihre Tochter eingestochen.

Gießen: Man n bekommt nach tödlicher Attacke lebenslang

Am Montag, 24. Juni 2002, spricht Richter Holger Gaßmann das Urteil: Antonio K. wird wegen Mordes aus niederen Beweggründen zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Der Angeklagte sei zwar zu Beginn des Eindringens in die Wohnung durch das Pfefferspray beeinträchtigt gewesen, habe dann aber planvoll gehandelt. Die Stichverletzungen passten nicht zu einem Herumfuchteln eines Menschen, der nicht mehr viel sehen kann. Auch die Tatsache, dass er vom Tatort geflohen sei und das Messer entsorgt habe, passe nicht zu einer Orientierungslosigkeit, betonen Staatsanwaltschaft und Nebenklage. Am Ende richtet Richter Gaßmann einige Worte an die Eltern, die mit ansehen mussten, wie ihre einzige Tochter ermordet wurde: Er wünsche ihnen Kraft und den richtigen Beistand, die Erlebnisse zu verarbeiten.

Hätte die junge Frau beschützt werden können? Die Antwort von Oberstaatsanwalt Reinhard Hübner ist bezeichnend: Wenn man auf alle Bedrohungen reagieren würde, die nach Trennungen ausgesprochen werden, seien »selbst zehnmal so viele Polizisten, wie wir jetzt haben, nicht ausreichend«.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare