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Fast 300 Jahre alt ist die gewaltige Bibel, auf die Else Müller sehr stolz ist. FOTO: TA

2000 Seiten aus dem Jahr 1729

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Bei der Allendorfer Seniorin Else Müller im Wohnzimmer liegt eine stattliche Bibel. Sie wiegt an die zehn Kilo und umfasst rund 2000 Seiten. Das gute Stück ist fast 300 Jahre alt.

Else Müller ist sehr gläubig und liest fast täglich in der Bibel. Auch jetzt, in den Tagen vor dem Osterfest, bereitet sie sich so auf die Auferstehung Jesu vor. Die 88-Jährige sitzt dabei ebenso wie beim Zeitunglesen oder Kreuzworträtsel-Lösen oft im Bett. Für das Nachlesen im Alten oder Neuen Testament nutzt die Allendorferin normalerweise ein handliches und schon etwas abgegriffenes Buch. Dabei besitzt sie neben mehreren alten auch eine besonders wertvolle Bibel. "Aber die ist für den täglichen Gebrauch nicht so gut geeignet", schmunzelt sie.

Widersprechen mag man ihr kaum. Denn das angesprochene Exemplar ist ausgesprochen stattlich: Es hat das Format 26 mal 44 Zentimeter und ist 16 Zentimeter dick. Die fast zehn Kilogramm schwere Bibel stammt aus dem Jahr 1729. Der Druckort lässt sich nicht ermitteln, weil das Titelblatt beschädigt ist. Sicher ist aber die Herkunft aus Württemberg, denn die Autoren werden dem Kloster Lorch und der "Löbl. Theologischen Facultät Tübingen" zugeordnet.

Zwischen den Deckeln sind rund 1000 Buchblätter zusammengepresst. Allein 1250 Seiten belegt das Alte Testament. Es folgen 582 Seiten mit dem Neuen Testament. Dazukommen "Harmonien der vier Evangelisten", ein "Register der Tugenden und Laster" sowie ein umfangreiches Namensregister.

Schon seit 60 Jahren befindet sich die antiquarische Großbibel im Besitz der Familie Müller im Stadtteil. Am Anfang des vergangenen Jahrhunderts lag sie lange unbeachtet auf dem Speicher eines kinderlosen Ehepaars in der Dutenhofener Kirchstraße. Nach dem Tod der Eigner kam das Werk in den Besitz des Schwiegervaters von Else Müller. Dieser wiederum vererbte das Trumm seinem Sohn, der damit allerdings nicht viel anfangen konnte. Umso mehr interessierte sich dessen Bruder Werner Müller dafür. So kam es zum Verkauf: Für 100 Mark erwarb der Allendorfer damals die uralte Bibel.

Das dicke Buch befand sich zu dieser Zeit allerdings in einem jämmerlichen Zustand. Der hölzerne und mit Leder überzogene Einband war von Mäusen zerfressen, viele Blätter lagen lose herum oder waren eingerissen. Deshalb übergaben die Müllers die Bibel einem Buchbinder, der sie liebevoll restaurierte und am liebsten selbst behalten hätte. Er wollte nur 15 Mark für seine Arbeit, aber die höchst zufriedenen Kunden verdoppelten seinen Lohn.

Die Restaurierung war zwar nicht nach dem Geschmack von Historikern. Denn die Buchdeckel aus Holz waren durch dicken Karton ersetzt und das seitliche Metallschloss entfernt worden. Den stolzen Besitzern war das aber egal: Hauptsache, man konnte die Bibel wieder lesen. "Man konnte den Inhalt verstehen, obwohl die Schreibweise mancher Wörter eine ganz andere war als heute", erinnert sich die Allendorferin.

Inzwischen liegt die fast 300 Jahre alte Bibel auf einem Beistelltischchen im Wohnzimmer und zieht sofort die Blicke auf sich, wenn die Gastgeberin Besuch hat. So geschah es beispielsweise vor einigen Jahren, als Pfarrerin Johanna Häfner dem Gemeindemitglied daheim zum 80. Geburtstag gratulierte.

In einem anderen Zimmer liegen drei weitere alte Bibeln: Die große Familienbibel aus dem Jahr 1912, die Else Müller von ihrer Oma bekommen hat, ein kleines Exemplar mit dem Neuen Testament, das die kleine Else für den Konfirmandenunterricht nutzte, und die mittelgroße Bibel aus dem Jahr 1912, die die Eheleute Müller 1955 von der Kirchengemeinde zu ihrer Trauung geschenkt bekommen haben.

Welchen materiellen Wert die uralte Bibel hat, ist unbekannt. Die Besitzerin will es auch gar nicht wissen. "Ich halte sie in Ehren, solange ich noch lebe", betont die Allendorferin. Sie ist aber sicher, dass auch ihre drei Kinder das gute Stück nicht verhökern werden.

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