20-Stunden-Woche und Selbstversorgung

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Gießen(csk). Der Hörsaal in der Alten Universitätsbibliothek platzt aus allen Nähten, als der Volkswirtschaftler Niko Paech auf Einladung von Extinction Rebellion spricht. So wird der Kerngedanke gleich spürbar: Wachstum ist von Natur aus begrenzt. Paech plädiert deshalb seit Jahren für eine "Postwachstumsökonomie". Seinem Gießener Publikum liefert er einen echten Rundumschlag - gegen machtlose Politik, verantwortungslose Konzerne und allzu sorglose Zeitgenossen.

Die stetes Wachstum produzierende Ökonomie zeitige "unverhandelbare ökologische Konsequenzen", weshalb "die Rückkehr zu einem menschlichen Maß" notwendig sei, betont der Referent. "Reduktion" und "sparen" sind zwei Wörter, die fortan häufig fallen.

Natürlich geht es um Klimaschutz und Energiewende, Naturzerstörung und Umweltpolitik. Was Paech eigentlich fordert, ist jedoch ein Gesinnungswandel um 180 Grad. "Wir müssen dekadenten Luxus von basalen Bedürfnissen trennen", sagt er. Denn auch die Postwachstumsökonomie brauche ja Energie. "Aber was ist wichtiger: Work-and-Travel in Neuseeland oder der Strom fürs Krankenhaus?"

Wer wie viele Ressourcen nutzen dürfe, sei ohnehin "die soziale Frage des 21. Jahrhunderts". Die CO2-Bilanz müsse von hierzulande zwölf Tonnen pro Person und Jahr runter auf eine Tonne, um die Erderwärmung zu bremsen. Priorität hätten "harte Reduktionen" in der Mobilität.

Immer wieder argumentiert Paech im Nichts-gegen-aber-Modus: Nichts gegen E-Mobilität - "aber sie reicht alleine nicht"; nichts gegen technischen Fortschritt - aber ohne verändertes Handeln verpuffe er. "Die Überschätzung der Technik ist sensationell", unterstreicht der Experte. "Wir können mit regenerativer Energie nichts erreichen, wenn wir ein Fass ohne Boden befüllen."

Es müsse auch Schluss sein damit, dass Klimaschutz meist auf Kosten Ärmerer und des ländlichen Raums gehe. Konkret fordert Paech zum Beispiel mehr Mikrosolaranlagen auf privaten Häusern und weniger Windräder in der Natur. Letztere gehörten vielmehr "auf stillgelegte Flughäfen und Autobahnen". "

Seine Utopie verknüpft der Wissenschaftler gern mit sozialpolitischen Themen. Wenn Menschen im Durchschnitt nur noch 20 Stunden pro Woche arbeiten müssten, hätten sie mehr Zeit, sich ein Stück weit selbst zu versorgen. Hinzukommen müsse eine "neue Regionalwirtschaft", wie sie längst sogar für Millionenstädte funktioniere. Und statt Wachstum als Allheilmittel zu verkaufen, solle die Wirtschaftswissenschaft "endlich konsequent ein Reduktionsprogramm entwerfen".

Bloß an eine Kraft glaubt Paech offenbar nicht mehr. "Die Angst, uns zu überfordern, ist so massiv geworden, dass die Politik komplett handlungsunfähig da steht", meint er. Eine zivilgesellschaftliche Bewegung und "ein Kommunikationsstil, der Mehrheiten erodieren lässt" schützten demnach nicht nur den Planeten, sondern auch die Demokratie. Eines dürften die Aktivisten aber nie aus den Augen verlieren: ihre eigene Glaubwürdigkeit.

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