Regen prasselt bei einem Gewitter auf die Straße.
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Versiegelte Flächen kosten Geld: Dort wo das Regenwasser nicht abfließen kann, ist eine Gebühr fällig. (Symbolbild)

Flächenermittlung

Tausende Gießener messen ihre Grundstücke neu aus: Denn versiegelte Flächen kosten Geld

  • Burkhard Möller
    VonBurkhard Möller
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Die Wasserbetriebe erfassen seit Monatsbeginn versiegelte Flächen von Grundstücken in Gießen, um die Regenwassergebühr neu zu kalkulieren. Eigentümer brüten über Luftbildern und Tabellen.

Gießen – „Hmm.« Die Hauseigentümerin in der Anneröder Siedlung rätselte beim Anblick des Luftbilds. Die darauf eingezeichneten befestigten Flächen Nummer zwei und drei gibt’s auf ihrem Anwesen nicht, eine andere befestigte Fläche fehlte dagegen. Und welche Versickerungsleistung hat wohl das Pflaster des Gartenwegs mit den moosbewachsenen Fugen? Am Ende ihrer Berechnungen und einem unfruchtbaren Kontakt mit einer Hotline kam die Gießenerin auf 142 Quadratmeter versiegelte Fläche. Mal 89 Cent macht das die sogenannte Regenwassergebühr, die die Grundstückseigentümerin künftig pro Jahr gemäß der Abwassersatzung der Stadt Gießen zahlen wird.

Regenwassergebühr in Gießen: 13.000 Grundstücke betroffen

Tausende Gießener brüten seit Anfang des Monats über Luftbildern ihrer Grundstücke, über Tabellen und Kürzeln wie l/s*ha. Hintergrund: Die MWB führen bis Anfang Juli eine großangelegte Befragung der Eigentümer durch, um die Flächen für die Niederschlagswassergebühr für 13.000 Grundstücke, die am Kanalnetz hängen, zu ermitteln.

Die auch als Regenwassergebühr bezeichnete Abgabe ist nicht neu. Bereits seit 1992 werden in Gießen die Gebühren für Schmutz- und Regenwasser getrennt erhoben. Die Umsetzung des Verursacherprinzips, die damals als innovativ galt, ist seit wenigen Jahren Pflicht. Auch aus einem anderen wichtigen Grund hat sich die Bepreisung von versiegelten Flächen mittlerweile als segensreich erwiesen. Hauseigentümer sind bemüht, den Anteil dieser Flächen auf ihren Grundstücken zu minimiermieren. Das hat laut MWB dazu geführt, dass die gesamte versiegelte Fläche in Gießen trotz der vielen Neubaugebiete in 2018 kleiner war als in 2005. Mit diesem wichtigen Schritt gegen Überschwemmungen bei Starkregen nehme Gießen eine »mustergültige Rolle im Kampf gegen die Folgen des Klimawandels ein«, erklären die MWB.

Regenwassergebühr in Gießen: Luftbilder sollen Daten liefern

Die auf den Quadratmeter genaue Gebührenerhebung setzt aber voraus, dass die Flächendaten stetig aktualisiert werden. Bislang geschah das in mühsamer Kleinarbeit von Grundstück zu Grundstück. Daher entschlossen sich die Wasserbetriebe, eine größere Ermittlung durchzuführen, um die versiegelten Flächen systematisch und flächendeckend zu erfassen.

Im Vorfeld der Aktion, von der auch Grundstückseigentümer wie die Stadt, die Wohnbau oder die Wasserbetriebe selbst betroffen sind, hatten die MWB eine Befliegung beauftragt und die dabei erstellten Luftbilder digital ausgewertet. Die Flächendaten wurden anschließend in grundstücksbezogene Luftbilder und Erfassungsbögen vorläufig eingetragen. Ende Mai wurden die so vorbereiteten Unterlagen zur Prüfung und Rücksendung den Grundstückseigentümern zugesandt. Die Eigentümer haben laut MWB so die Möglichkeit, die Angaben in dem Bogen zu korrigieren bzw. zu kommentieren. Reagieren die Grundstückseigentümer bis 7. Juli nicht, gehen die MWB davon aus, dass die automatisiert festgestellten Daten korrekt sind. Die alten Flächendaten werden ab 2022 nicht mehr verwendet.

Regenwassergebühr in Gießen: Geld sparen durch Reduzierung versiegelter Flächen

Im Gespräch mit der GAZ erklären Werkleiter Clemens Abel und sein Stellvertreter Steffen Kraft, dass die den Eigentümern gesetzte Frist 7. Juli nicht mit einer endgültigen Festsetzung der gebührenpflichtigen Flächen verbunden ist. »Das kann man auch später noch ändern lassen«, sagt Abel. Nach den Sommerferien sollen alle Eigentümer, die nicht geantwortet haben, ein Erinnerungsschreiben erhalten. Gleichwohl sei eine hohe Rücklaufquote im Interesse der Gebührenzahler, denn nach den Ferien wollen die MWB auf Grundlage der Daten eine Neukalkulation der Regenwassergebühr vornehmen, die zum 1. Januar in einer Anpassung der Abwassergebührensatzung münden soll. Kraft: »Eine möglichst genaue Datenerfassung ist ein Beitrag zur Gebührengerechtigkeit«.

Die MWB erwarten im Ergebnis, dass die Summe aller befestigten Flächen auf dem derzeitigen Niveau bleibt oder geringfügig steigt. »Sollte sich die gesamte versiegelte Fläche nennenswert erhöhen, ist von einer Senkung der Gebührenhöhe auszugehen«, lautet Abels Einschätzung. Eine solche Veränderung im Centbereich ändere nichts am Anreiz, durch die Reduzierung versiegelter Flächen unterm Strich Geld zu sparen.

Kritik aus Gießen: Hotline der MWB wenig hilfreich

Mit der Erhebung der Daten, der Hilfestellung der Eigentümer beim Ausfüllen des Erhebungsbogen und der Beratung vor Ort in Gießen haben die MWB zwei auswärtige Dienstleister beauftragt. In diesem Zusammenhang gibt es vor allem Kritik an der Hotline. Einige Leser bemängeln längere Wartezeiten und wenig hilfreiche Aussagen. Beschwerden, die auch bei den Wasserbetrieben angekommen sind. »Bei der Hotline müssen wir zulegen. Mit nur drei Leuten kann man das nicht machen«, sagt Abel.

Ergänzende Infos mit Fragen und Antworten zum Thema Regenwassergebühr gibt es im Internet unter www.mwb-giessen.de.

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