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Wissenschaftler der Universität Augsburg gehen dem Phänomen Analphabetismus in Deutschland nach.

Studie der Universität Augsburg

Tabuthema Analphabetismus: Halbwissen und Vorurteile belasten die Betroffenen

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  • Stefan Stukenbrok
    Stefan Stukenbrok
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Mehr als 14 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung in Deutschland sind vom Funktionalen Analphabetismus betroffen. Eine Studie geht dem Thema nach und entwickelt neue Theorien.

Entgegen der landläufigen Ansicht bedeutet Analphabetismus nicht zwangsläufig, dass die betroffene Person gar keine Kenntnisse über Buchstaben beziehungsweise Wort- und Satzbildungen in der Schriftsprache hat. Analphabetismus in diesem engeren Sinne betrifft „nur“ rund vier Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung. Diese können zwar einzelne Wörter lesend verstehen und auch schreiben – nicht jedoch ganze Sätze.

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Funktionaler Analphabetismus - verschiedene Ebenen des Textverständnisses

Weit verbreitet hingegen ist die Ebene, bei der die Personen durchaus einzelne Sätze lesen und schreiben können, jedoch an den Zusammenhängen scheitern – das Textverständnis ist also unterschritten oder nur mangelhaft. Ein weiteres Level ist das fehlerhafte Schreiben und Lesen - Texte werden einigermaßen gelesen und auch geschrieben, aber sehr fehlerhaft und langsam, teilweise noch auf dem Grundschulniveau. Zusammengefasst spricht man hier vom „funktionalen Analphabetismus“ auf verschiedenen Ebenen. Dieser unterscheidet sich vom „totalen Analphabetismus“, bei dem letztendlich gar keine schriftsprachlichen Kompetenzen vorhanden sind. Funktionaler Analphabetismus wird im Allgemeinen definiert als ein bestimmtes Niveau in Lese- und Schreibfähigkeiten im Erwachsenenalter, die Selbständigkeit und gesellschaftliche Teilhabe im Alltag nicht mehr ermöglichen und damit individuelle Verwirklichungschancen in Abhängigkeit von schriftsprachlichen Anforderungen einer Gesellschaft verhindern. Stattdessen ist man dauerhaft auf Unterstützungsleistungen angewiesen.

Schriftsprachliche Kompetenzen wieder verlernt oder Fehlentwicklungen schon in der Schule? 

Für Frau Dr. des. Sibylle Schneider, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Philosophisch-Sozialwissenschaftlichen Fakultät an der Universität Augsburg und Leiterin der Studie, sind noch weitere Unterscheidungen wichtig:

„Ist die Lese- und Schreibfähigkeit irgendwann im Laufe des Alters wieder verlernt worden, weil im Alltag schriftsprachliche Kompetenzen nicht gebraucht wurden oder hat man dies letztendlich nie gelernt? Ist man auf dem Niveau, welches in der Schule erlernt wurde, stehengeblieben und es gab keinen weiteren Fortschritt? Andere konnten zwar auf einem mittleren Niveau Lesen und Schreiben, aber haben es im Laufe der Entwicklung dann nie gebraucht, so dass die Fähigkeit nach und nach verkümmerte. Dann gibt es auch die Fälle, wo etwas schiefgelaufen ist in der Schule, in der biografischen Entwicklung.“

Schüler sind systembedingt Alphabeten, unabhängig von ihren tatsächlichen Fähigkeiten.

Wie man ohne den Einsatz von Lese- und Schreibfähigkeiten durch den beruflichen Alltag kommen kann, schildert uns Frau Dr. des. Schneider anhand des Beispiels vom Maler, der zwar nicht lesen kann, aber natürlich weiß, wie die Farbe Gelb, Blau oder Rot aussieht und diese folglich im Baumarkt rein optisch heraussucht oder sogar die RAL-Nummer findet, indem er die Zeichen auf dem Notizzettel vom Auftraggeber mit denen auf den Farbeimern vergleicht.

Botschaft: „Das System Schule muss sich verändern“    

Auf die Frage, inwiefern eine Prävention und Früherkennung an Schulen durch Lehrer erfolgt, antwortet sie mit einer Botschaft:

„Wir haben bei uns in Deutschland die gesetzlich verankerte Pflichtschulzeit bis zur neunten Klasse, diese Schüler gelten bis dahin und auch noch in der beruflichen Schulbildung automatisch als alphabetisiert, das Problem ist also offiziell gar nicht in dieser Phase existent. Da muss sich das Schulsystem letztendlich ändern, denn Lehrer erkennen ja, wer mal zum Funktionalen Analphabeten wird und nicht richtig schreiben und lesen kann. Es stellt sich die Frage, ob nicht das Problem anerkannt werden muss und etwas dagegen getan wird, indem man zum Beispiel die Lehrerbildung erweitert.“

Vorurteile über Analphabeten abbauen

Der Kampf gegen Analphabetismus - er erfordert viel Engagement und Empathie, denn betroffene Personen scheuen sich oft, über ihre Situation zu sprechen, auch und weil der Begriff mit Vorurteilen beladen ist. Die Angst, als „dumm“ abgestempelt zu werden ist groß, so dass das Problem selten für das Umfeld offen erkennbar wird. Sich die Speisekarte im Restaurant vorlesen zu lassen, weil man „die Brille vergessen hat“, ist nur eine von vielen Strategien, um unter dem Radar der Wahrnehmung von Freunden, Kollegen und Bekannten zu fliegen. 

Bei Migranten hingegen handelt es sich um ein anderes Phänomen, viele wurden in ihrem Heimatland alphabetisiert, die Nichtbeherrschung der deutschen Sprache in Schrift und Wort ist nicht dem Analphabetismus zuzurechnen. 

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Valerie Kammerer (23 Jahre), Tobias Kegel (25) und Marina Kraus (26) bilden das wissenschaftliche Team unter der Leitung von Frau Dr. des. Sibylle Schneider, um den noch weitgehend unerforschten Analphabetismus zu ergründen und neue Erkenntnisse zu gewinnen. Kern des Forschungsprojekt ist ein Online-Fragebogen zu den Themen „Literalität und Bildung“ - die Ippen-Digital-Zentralredaktion unterstützt dieses Vorhaben und freut sich über eine rege Beteiligung seitens der Leserschaft:   

Online-Befragung zu den Themen Literalität und Bildung

Stefan Stukenbrok, mit fachlicher Unterstützung von Marina Kraus 

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