Jeanne d’Arc und Malalai

27. August 2017, 22:12 Uhr
Schauspieler Jonas Schlagowsky überzeugte ebenso wie seine Kollegen beim Kunstfest in Weimar. (Foto: dpa)

Auf der Bühne stehen Schauspieler aus Deutschland, Frankreich, Afghanistan und Israel. Es geht um Traum und Wirklichkeit, Geschichte und Gegenwart, es gibt ständige Sprach- und Perspektivwechsel. Die Uraufführung von »Malalai – die afghanische Jungfrau von Orléans« nach Friedrich Schiller verlangt von den Akteuren und dem Premierenpublikum über zweieinhalb Stunden lang höchste Konzentration. Das Deutsche Nationaltheater und das Kunstfest Weimar haben am Freitagabend ein brisantes Thema angepackt: die nationalistische und religiöse Instrumentalisierung von Frauen als Freiheitsikonen, Nationalheldinnen und Gotteskriegerinnen – in Vergangenheit und Gegenwart. Die Zuschauer im ausverkauften E-Werk sahen ein hochspannendes Theaterprojekt von Robert Schuster und Julie Pauker. Vom Publikum gab es langen und herzlichen Beifall.

Fiktion und Realität

Ferner Kanonendonner zu Beginn auf der lediglich mit verschiebbaren großen Stahlplatten ausgestatteten Bühne: Mitglieder der afghanischen Theatergruppe Azdar erinnern sich an jene Vorstellung, bei der sie 2014 Ziel eines Anschlags der Taliban wurden. Seither können sie nicht mehr in ihrer Heimat auftreten. »Der Krieg wird auch zu Euch kommen. Schiller ist aktuell«, sagen sie auf persisch, zu lesen in deutschen Übertiteln.

Friedrich Schiller hat der Legende der Jungfrau von Orléans, die in einer von Männern dominierten Welt ihren Glauben und ihr Leben für die Freiheit ihres Volkes einsetzt, sein gleichnamiges Drama gewidmet. In Frankreich ist sie ein Mythos. Gleich drei Schauspielerinnen aus Frankreich und Israel verkörpern mit allen Sinnen und Fasern ihrer Körper Johanna; in ihrer Zerbrechlichkeit, ihren Zweifeln, ihrem Mut, ihrem unbeugsamen Willen und der Gewissheit ihres Todes. »Ich bin Jeanne d’Arc und ich bin das Volk«, sagt die eine. »Ich bin der Traum«, die Zweite. »Ich bin die Nation« die Dritte. Auch in Afghanistan kennt jeder eine ähnliche Geschichte. Malalai von Maiwand, auch die afghanische Jungfrau von Orléans genannt, war Sanitäterin im Unabhängigkeitskrieg 1880 gegen die britische Kolonialmacht. Als die afghanischen Krieger die Schlacht schon fast verloren hatten, löste sie ihren Schleier und rannte auf den Feind zu - wie einst der Legende nach Johanna mit einer Fahne. Die flüchtenden Soldaten kehrten um und besiegten die Unterdrücker.

Immer wieder verweben sich im Stück Fiktion und Realität. Die Schauspieler spielen ihre Rollen und sind zugleich sie selbst. Mit ihren christlichen, muslimischen, jüdischen oder atheistischen Hintergründen hinterfragen sie jüngere Geschichte und Politik: Flüchtlinge in Deutschland etwa und die scheinheilige Verweigerung von Hilfe. Der Holocaust der Nazis: In Weimar, der Stadt von Goethe und Schiller und des früheren NS-Konzentrationslagers Buchenwald, ein bis heute hochbrisantes Thema. »75 Jahre nach dem Holocaust kommen wir jedes Jahr wieder in das Hotel ›Elephant‹«, sagt die israelische Jungfrau von Orleans. Es war das Lieblingshotel von Adolf Hitler.

Das transnationale Theaterprojekt wird von der Kulturstiftung des Bundes, dem Goethe-Institut und dem Institut français gefördert. Von Weimar aus geht es auf Gastspielreise nach Ludwigshafen, Chur, Bochum und Berlin.

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