Tempel der Meinungsfreiheit

18. August 2017, 18:41 Uhr
Noch fehlen 1500 Bücher, um den Tempel auf der documenta fertigzustellen. (Foto: Thiede)

Eine Besucherin der documenta ruft aus, was viele denken: »Gut gell, einfach gut!« Sie ist vom Parthenon der Bücher begeistert. Das gegenüber dem Museum Fridericianum aufragende Werk der argentinischen Künstlerin Marta Minujin ist zum Wahrzeichen der documenta 14 geworden. Obendrein ist es mit 70 Metern Länge, 30 Metern Breite und zehn Metern Höhe die größte jemals auf der Kasseler Weltkunstausstellung präsentierte Arbeit. Die vom Parthenon-Tempel auf der Athener Akropolis inspirierte Installation besteht aus einem Stahlskelett, an dem in Klarsichtfolie verpackte Buchspenden hängen. Als die documenta im Juni eröffnet wurde, litt der Tempel noch unter akutem Schriftenmangel. Doch nun steht der Parthenon vor der Vollendung. Nur noch sechs Säulen sind leer.

Verlage, Buchhändler und Privatpersonen stifteten die für den Bau verwendeten Schriften. Dem Aufruf der documenta-Leitung zufolge muss es sich um Bücher handeln, die irgendwann einmal verboten waren oder noch heute irgendwo in der Welt sind. Den mit ihnen errichteten Parthenon der Bücher erklärt die documenta zum Monument der Meinungsfreiheit und Demokratie. Es sollte aus 100 000 Büchern erbaut werden. Die Realität sieht anders aus: Die Organisatoren haben den Abstand zwischen den Büchern so weit vergrößert, dass 55 000 verbotene Schriften ausreichen. Wenn noch 1500 Bücher gespendet werden, ist das Werk vollbracht.

Was ist denn bislang so gespendet worden? Unangefochtener Spitzenreiter sind Goethes »Leiden des jungen Werther«. Eine Besucherin entdeckt Tolstois »Krieg und Frieden«: »Ah, das kenn ich.« Eine Kunstfreundin macht ihren Mann darauf aufmerksam, dass Karl Mays »Durch die Wüste« mal verboten war. Er entgegnet: »Was, wirklich?« Wir sehen Micky-Maus-Hefte, die Bibel, Schriften von Karl Marx und Luthers 95 Thesen. Viele Spender haben sich vom »Kleinen Prinz« oder Werken Bert Brechts, Franz Kafkas, Friedrich Schillers und etlicher weiteren Autoren mit Weltgeltung getrennt. Waren und sind also die staatlichen und kirchlichen Zensoren nichts als Literaturbanausen? Ist das aus politischen, religiösen oder sittlichen Gründen ausgesprochene Verbot von Schriften stets blanker Unsinn?

Auf der am Parthenon aufgestellten Informationstafel steht, dass Marta Minujin für das Projekt Bücher aus der ganzen Welt sammelt. Die Ausnahme bleibt ungenannt: Bücher, die heute in der Bundesrepublik verboten sind. Die Begutachtung der Spenden obliegt der von Studierenden unterstützten Kasseler Germanistikprofessorin Nikola Roßbach. Nicht jedes verbotene Buch findet Gnade. Denn Minujin hat gut nachvollziehbare »Zensurregeln« aufgestellt: gewaltverherrlichende, rassistische, rechtsradikale und pornografische Schriften haben an ihrem Parthenon der Bücher nichts verloren.

Genau achtet Nikola Roßbach auch darauf, Schriften auszusondern, die der deutsche Index der verbotenen Medien auflistet. Den gibt es, obwohl im Grundgesetz steht: »Eine Zensur findet nicht statt.« Aber die Meinungs- und Informationsfreiheit ist beschränkt: »Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.« Das deutsche Schriftenverbot soll etwa Schutz vor Diskriminierung und vor Angriffen auf die freiheitlich demokratische Grundordnung bieten.

Die documenta bewirbt den Parthenon der Bücher als »Zeichen gegen das Verbot von Texten und die Verfolgung ihrer Verfasserinnen und Verfasser«. Aber dieses »Zeichen« unterwirft sie mit guten Gründen der Zensur. Denn die Praxis der Zulassung zum Parthenon erweist, dass die documenta zwischen »berechtigten« und »unberechtigten«, »guten« und »schlechten« Bücherverboten unterscheidet. Dazu erklärt Nikola Roßbach: »Jede Gesellschaft gibt sich eine gesetzliche Ordnung, wenn Handlungen, zum Beispiel Beleidigungen, Volksverhetzung, dieser widersprechen, sanktioniert die Gesellschaft den Akteur oder die Akteurin. Das gilt auch in den ›freiesten‹ Gesellschaften, zu denen wir uns zählen dürfen.« Veit-Mario Thiede

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