Seefahrt ohne Wiederkehr

Am 3. September 2008 geht die »Gorch Fock«-Kadettin Jenny Böken kurz vor Mitternacht über Bord. War es Mord, Suizid, ein Unglück? Der Adolf-Grimme-Preisträger Raymond Ley hat über den mysteriösen Fall einen spannenden Spielfilm gedreht und eine gründliche Dokumentation.
03. April 2017, 18:28 Uhr
Skeptischer Blick: Lilly Borchert (Maria Dragus) beobachtet die anderen Kadetten, wie sie die »Gorch Fock« verlassen. (Foto: dpa)

Ihr tragisches Schicksal bewegte Millionen: der Tod der »Gorch Fock«-Kadettin Jenny Böken im Jahr 2008. Die ARD widmet dem Fall morgen um 20.15 Uhr das Drama »Tod einer Kadettin« und direkt im Anschluss (21.45 Uhr) die akribisch recherchierte und mit Empathie gedrehte Dokumentation »Der Fall Gorch Fock – die Geschichte der Jenny Böken«. Beides ergänzt sich perfekt. Adolf-Grimme-Preisträger Raymond Ley hat Regie geführt. Mit seiner Frau Hannah Ley, Schauspielerin und ebenfalls Grimme-Preisträgerin, hat er auch das Drehbuch für den Film und für die Doku verfasst.

Die Leys sind eines der renommiertesten Autorenpaare des deutschen Fernsehens. »Die Nacht der großen Flut« (2005), »Eichmanns Ende« (2010) oder »Letzte Ausfahrt Gera – Acht Stunden mit Beate Zschäpe« (2016) sahen Millionen Fernsehzuschauer. Zeithistorische und gesellschaftspolitische Themen am Schicksal von Einzelpersonen zu entfalten, ist ein Markenzeichen der Leys.

So ist denn auch »Tod einer Kadettin« weit mehr als eine kriminalistische Spurensuche, was in der Todesnacht auf dem Segelschulschiff wirklich passierte. Es geht darum, den Mikrokosmos Marine darzustellen, eine männerdominierte Hierarchie, die auf Befehl und Gehorsam basiert: Wie Ausbilder weibliche Rekruten schinden, männliche Kadetten geschmacklose Zoten reißen, den Macho geben oder auf dem engen Klo des Schiffs rüder Sex gemacht wird. Aber auch: Wie Vorgesetzte die gewünschte Frauenquote bei der Marine erfüllen wollen. Und so darf eine für die Offizierslaufbahn als nicht geeignet beurteilte junge Frau, die zudem noch Höhenangst hat, dennoch an Bord der »Gorch Fock« und in die gefürchtete Takelage.

Film und Dokumentation zeigen das Scheitern einer jungen Frau, die als Soldatin möglicherweise den falschen Beruf für sich wählte. Jenny, »zum Widerspruch erzogen« (wie Mutter Marlis sagt), wollte Bundeswehrärztin werden und in Auslandseinsätzen helfen. Bereits ihr Oberstufenpraktikum machte sie auf einer Fregatte. Erst bei der Marine litt sie immer wieder unter plötzlichem Einschlafen – der seltenen Schlafkrankheit Narkolepsie, ausgelöst eventuell durch die vielen Impfungen bei der Bundeswehr? Darüber rätseln die Eltern.

»Mann über Bord, Mann über Bord, das ist keine Übung«, hallen Rufe übers Deck der »Gorch Fock«. Es ist kurz vor Mitternacht, 3. September 2008. Nordsee, Windstärke sieben. Suchscheinwerfer gleiten übers Wasser, vergeblich. Erst am 15. September wird die Vermisste geborgen. Im Film ist es Lilly Borchert (überragend als gemobbte Außenseiterin an Bord: Maria Dragus), in der Realität war es Jenny. Sie hatte für eine Kameradin die nächtliche Wache freiwillig übernommen nahe am Bug, die Reling ist da nur 40 Zentimeter hoch.

Sehr nah an der Wahrheit

»Frei nach Motiven« zum Fall Jenny Böken, so heißt es im Vorspann, sei das Drama gedreht. Doch die Eltern Uwe und Marlis Böken, die eng mit den Filmemachern kooperiert haben, sagen: »Der Film ist sehr nah an der Wahrheit – einschließlich des offenen Endes.« Regisseur Ley zeigt im Film denn auch gleich mehrere Varianten, was passiert sein könnte: Mord, Selbstmord, Unglück. Die Option Suizid habe im realen Fall keine Rolle gespielt, so habe es auch die Staatsanwaltschaft in Kiel gesehen, betonen die Eltern. »Jenny hatte sich auf ihren 19. Geburtstag mit uns in Hamburg gefreut. Und sie wollte doch ihrem Freund einen Heiratsantrag machen.« Am 5. September, also 24 Stunden nach der Tragödie, wäre Jenny 19 geworden.

Das Lehrer-Ehepaar Böken aus Geilenkirchen (Nordrhein-Westfalen) ist inzwischen geschieden, aber im jetzt mehr als acht Jahre dauernden Kampf um die Aufklärung des Todes ihrer Tochter weiterhin vereint. Beide halten der Marine eine Mauer des Schweigens vor und der Kieler Staatsanwaltschaft ein Ausblenden zahlreicher Widersprüche und Fragen. Die Staatsanwaltschaft hatte 2009 ihre Ermittlungen eingestellt, ein Unglück durch Ertrinken als am wahrscheinlichsten angesehen und kein Strafverfahren eröffnet. Mit Verwaltungsgerichtsprozessen um eine Entschädigung nach dem Soldatenversorgungsgesetz »als Vehikel« versuchten die Bökens, die Beteiligten vor Gericht wenigstens befragen zu können.

Ein Ergebnis: Eine Assistentin des Bordarztes sagte aus, die Gesundheitsakte von Jenny Böken sei an Bord manipuliert worden und wegen ihres ständigen Einschlafens habe Böken den Arzt wiederholt aufgesucht. Der hat dies vor Gericht bestritten. Die Marine hält den Fall für abgeschlossen und äußert sich nicht mehr zu Details.

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